Es mangelt in Unternehmen an Orientierung. Ambitionierte Wachstumszahlen können dies nicht ersetzen. Den Menschen fehlt der mittel- und langfristige Zusammenhang. Wofür sind eine Anstrengung und ein momentanes Resultat eigentlich langfristig gut? Welchen Wert hat es? Die Verkürzung der Sinnhaftigkeit auf ein bloßes Zahlenerreichen wie auf ein quasi kurzfristiges Sportresultat, das schon morgen keine Bedeutung mehr hat, als dass es ein kurzfristiger Beweis von Leistungsfähigkeit der Vergangenheit war, ist zuwenig. Unternehmens- und Arbeitsleben muss wieder mehr Sinn stiften.
Auch das kurzfristige sich selbst zeigen Können, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern ermöglichen, ist keine langfristige Sinnschaffung. Der spektakuläre Powerpointauftritt ist schnell wieder vergessen. Ein Unternehmen muss einem Mitglied gegenüber ein Lebensabschnittsgefährte sein. Dies bedeutet, es muss für den Mitarbeiter ein Beziehungsangebot wie in einer Liebes- oder Freundschaftsbeziehung sein. Ich wähle bewusst diese Beziehungsformen und nicht den Terminus Geschäftsbeziehung, damit das Rationale in den Hintergrund tritt. Denn es spielt nicht die entscheidende Rolle. Es ist wie im Übrigen bei anderen so
genannten geschäftlichen Entscheidungen, etwa Investitionen. Die rationale Ebene ist  oft nur ein durch die emotionale und intuitive Ebene sehr getönter nebenher laufender oder gar nachträglicher Erklärungs- und Legitimationsversuch. Dies ist ähnlich wie in der Hirnforschung. Ein Gedanke ist nach dem Libet-Experiment eine geraume Zeit im Gehirn vorher messbar, bevor er ins Bewusstsein kommt. Für alle Vertreter der rationalen Entscheidungstheorie ein harter Tobak.

Also Unternehmen müssen als emotionaler Beziehungspartner interessant sein. Ein Beispiel ist die Frage: Möchte ich mich mit diesem Unternehmen in der Öffentlichkeit in einer Liaison zeigen? Oft sieht es genau anders aus. Mitarbeiter trauen sich im Bekanntenkreis nicht mit ihrem  Unternehmen in Verbindung gebracht zu werden, weil sie dann sofort auf Skandale oder Pannen angesprochen werden und vermeintlich dafür gerade stehen müssen. "Ich gehe da nur hin, weil ich muss und keine andere Wahl habe. Du weißt ja, Haus bezahlen, der Nachwuchs und der Urlaub." Diese Mitarbeiter reagieren ähnlich wie Kinder, deren Eltern deliquent, abhängigkeitskrank oder sonst wie nicht mehr lebenstüchtig werden und bei denen so ihre Fürsorge weg bricht. Wem dieser Vergleich zu drastisch ist, der sollte sich die Zahlen zur Identifikation von Mitarbeitern mit ihren Unternehmen heute einmal anschauen. So ergab eine Studie zum durchschnittlichen Engagement der Mitarbeiter in deutschen Unternehmen: 
„Mitreißer“ (hoch engagiert): 17 %
„Mitmacher“ (engagiert):      47 %
„Zaungäste“ (gering engagiert): 28 %
„Schon weg“:   8 %
(Towers Perrin Studie 2007)

Also da ist einiges zu tun!
Unternehmen brauchen wieder emotionale Beziehungsangebote, die die Bedürfnisse der Menschen ansprechen. Die demographische Entwicklung, dass langsam die Partner auf der Mitarbeiterseite knapp werden, werden das beflügeln.

 
 
Der reine Kapitalismus hat eine Eigenschaft. Er darf niemals ankommen, er kennt keine Balance. Er muss ständig, immer weiter und immer schneller konkurrieren, alles aus seinen Produktionsmitteln herausholen. Und wenn dabei einer Branche die Bodenhaftung abhanden kommt wie das bei Produktionszweigen mit virtuellen Produkten etwa dem Finanzbereich leicht passieren kann, dann taumeln alle. Dies ist im Übrigen nicht neu. Das Zinsverbot für Geldgeschäfte oder die Übernahme der Versorge durch öffentliche Systeme (Staat anstatt Privatversicherung) war in der Wirtschaftshistorie eine häufige Lösung. Und die Finanzbranche ist die, die am ehesten dem kapitalistischen Ideal der reinen Ausrichtung auf Profit, jenseits von Kundenorientierung entspricht. Die anderen Branchen versuchen meist primär nicht Geld zu machen, sondern Kundennutzen zu stiften. („profit is – only – the cost of living“, Peter Drucker)

Wie sieht Wirtschaftsentwicklung heute aus? Was sind alternative Modelle?
Es muss nach unseren heutigen Erfahrungen etwas von einem dritten oder vierten Weg haben. Die Planwirtschaft hat klar ihr Versagen aufgezeigt und das sowohl auf der Seite der wirtschaftlichen Produktivität wie auf der Seite der Menschenrechte, die sie erzeugt. Alle Ausreden von einer ständigen Bedrohtheit durch die andere Seite, die dort vorgebracht wurden, wirken wenig überzeugend. Der angelsächsisch geprägte Kapitalismus auf der Basis der neoliberalen Experimente seit Reagan, Thatcher und vielleicht auch Kohl  und Schroeder wirkt im Moment in seinen Resultaten mehr als wackelig. Die großen wirtschaftspolitischen Errungenschaften der Kohl-Ära wie die Einführung des Privatfernsehens und die „blühenden Landschaften“ oder Schröders Hartz IV haben fragwürdige Auswirkungen.


In der Krise haben sich die fast schon abgeschafften, alten sozialdemokratisch-keynensianischen Errungenschaften wie Kündigungsschutz, Kurzarbeitergeld, staatliche Übernahme von notleidenden Firmen und Konjunkturprogramme bewährt. Dies geschah entgegen der überwiegend Meinung der Wirtschaftselite und auch der Wirtschaftswissenschaft.

Aber schauen wir mal weiter. Die wirklichen Wirtschaftslokomotiven der Weltwirtschaft sitzen seit einiger Zeit woanders, nicht im Museumskontinent Europa, sondern über den Tellerrand hinaus. Der Sack Reis, der in China umfällt, hat früher sprichwörtlich niemanden interessiert. Heute erzeugt er bei uns Beben. Schauen wir uns die Wirtschaftsordnungen etwa von China und Indien einmal an. Abgesehen davon dass beide Länder durch ihre Riesenbevölkerung einen hohen Bedarf an Wirtschaftsleistung haben, zeichnen sie sich kaum durch die sonst so hervorgehobenen Charakteristiken für gute Wirtschaftsentwicklung wie klare Rahmenbedingungen, Wirtschaftsfreiheit oder transparente Geschäftspraktiken, um nicht zu sagen korruptionsfreies Wirtschaftsgebaren aus. In beiden Ländern ist sowohl wie vor einigen Jahrzehnten in den Tigerstaaten Südkorea, Taiwan und Singapur eine männliche, autoritär dominierte Führungskultur und eine für den einzelnen deutlich restriktive Staatsgewalt festzustellen. Deng Xia Ping hatte zu Beginn seiner Wirtschaftsreformen insbesondere das Modell in Singapur studiert. Der Einzelne gilt in Relation zum nächst größeren Subsystem, der Familie, dem Unternehmen oder der Region wenig. Für die kleineren Länder Taiwan, Singapur und Südkorea war der letzte Punkt nicht so wichtig, aber für Indien und China gilt er ganz zentral. Die Zentralregierung ist weit weg. Föderale Elemente sind in Indien so wichtig, dass Dehli oft gar keine Rolle spielt. In China ist eher die geographische Ferne Pekings schon genüged. Aber für beide Länder gilt, dass die wirtschaftliche Betätigung sehr stark vom Subsystem Familie und Sippe bestimmt ist.

Einspruch: Dies könnte man für Süditalien vielleicht auch konstatieren, wo bestimmte Familien das Sagen haben. Hier entsteht aber immer wieder der Verdacht, dass der Staat auch damit verbandelt ist.

Dies ist er mit der Einheitspartei in China und der langen, breiten demokratischen Tradition in Indien anders. Hier sind die großen Länder wiederum durchaus unterschiedlich. Im südindischen Bundesstaat Kerala beispielsweise wechseln sich seit vielen Jahren demokratisch die Kongresspartei mit der kommunistischen Partei an der Regierung ab. Die Alphabetisierungsquote ist in dem agrarisch geprägten Bundesstaat 100 Prozent und mehrere Religionen (Hinduismus, Christentum, Islam und Jainismus) werden weitgehend friedlich nebeneinander praktiziert.
- Mich persönlich störten dort nur die 10-12 m überlebensgroßen, weißen Pietats, Maria mit Jesus auf dem Schoß.-(dazu auf dieser Webseite mehr im Indienbericht)
Aber so ist Indien. Vielleicht sind die die den Einzelnen moralisch disziplinierende Wirkungen in Indien durch hauptsächlich hinduistische  und in China konfuzianische und taoistische Tradition nicht zu unterschätzen. Dies ist der Unterschiefd zum katholischen Süditalien, in dem die katholische Beichte vieleicht mental vieles bereinigt, das in Indien in der persönlichen Schuld bleibt.  

Entscheidend scheint aber das Wirksamwerden von mittleren Systemebenen wie Familien, Sippen, Regionen und föderalen Strukturen, die durchaus im marktwirtschaftlichen Wettbewerb miteinander agieren. Der Individualismus steht im Hintergrund. Gleichzeitig wissen die Subsysteme auch, dass sie auf den jeweiligen Nachbarn angewiesen sind. Konkurrenz findet somit im Rahmen statt. Dies ist bei anonymen, wenig durch emotionale Beziehungen geprägten Kapitalgesellschaften schärfer.

Auch in Deutschland wird die momentan gute wirtschaftliche Verfassung auf die föderalen Strukturen zurückgeführt. Denn diese haben im Gegensatz zu vergleichbaren Ländern mit stärker zentralistischer Struktur eine breitere und ausgewogenere Branchenstruktur mit Industrie, Dienstleistungen und öffentlichem Sektor weiterentwickeln lassen. Dies ist in Deutschland ein sehr altes Prinzip, das bis auf die Goldene Bulle mit den Rechten der Kurfürsten zurückgeht. Jedes Landessystem hat immer für seinen Selbsterhalt gesorgt. Wenn die Subsysteme für sich sorgen können und Rechte haben, scheint insgesamt mehr herauszukommen als bei stromlinienförmiger Standardisierung, auch wenn letztetes schneller aussieht. German disease und German angst, die Schwerfälligkeit des deutschen Systems zum Umsetzen von so genannten Reformen werden zurzeit in der Welt kaum diskutiert. Eher wird der föderale Gedanke, dass Menschen über ihre nähere Umgebung auch selbst mitbestimmen, wieder stärker.

Weiterführende Lit. Mohr, G.: Systempulsation, in: Systemische Organisationsanalyse, Edition Humanistische Psychologie, 2006.



 
 
Diese neue Formulierung begegnet dem Zuschauer und Hörer von Medien zunehmend. Ob Bankenkrise, Fukushima oder Griechenland. Themen werden hochgekocht und sind dann angeblich "durch". Sie haben keinen medialen Wert mehr. Das Bedürfnis nach Reiz, das dem Menschen innewohnt, wird in neuer Weise benutzt. Es geht um Reize, die Emotionen auslösen. Darauf ist der Mensch durch seine Evolution offensichtlich konditioniert. Der Sinn dahinter war Schutz und Entwicklung. Dieses archaische Muster wird durch die Allpräsenz von Medien angesprochen, aber führt nicht unbedingt zu Lösungen. Es bleibt bei einem wechselnden Reizfeuerwerk.

Die aufgepoppten Themen werden meist nicht wirklich gelöst. Kernschmelze in drei AKW war früher ein absoluter Alptraum. Es reicht aber tatsächlich nur für einen Monat Medienaufmerksamkeit. Allenfalls die Deutschen mit ihrer "German Angst" reagieren beim Atom, weil sie aus eigener geschichtlicher Erfahrung die Risiken kennen, die im Menschen selbst liegen. Vielleicht war es auch nur ein opportunistischer Schnellschuss der Konservativen. Bei anderen Themen ist man aber auch hier locker. Die Bankenkrise mit der Vernichtung vieler Vermögenswerte wird schnell von der Bildfläche gebracht. Intensität und Dauer der Aufmerksamkeit stehen in keinem Verhältnis mehr. Hochintensive Gefühlswallungen sind in drei Tagen verschwunden.

Dieses Beschleunigungsmuster ist nur eines der Vielen, die immer mehr das Leben regieren. Rasend schnell kommt ein Ereignis von irgendwo in der Welt in die Aufmerksamkeit, beherrscht diese für einen Moment absolut, um genauso schnell wieder zu verschwinden. Ob daraus irgendwelche Konsequenzen abgeleitet werden, hängt aber von nachhaltiger Aufmerksamkeit ab. Mit „das Thema ist durch“ wird dann abgewunken. Aber Investitionen gehen dahin, wo Aufmerksamkeit ist.

Aufmerksamkeit entsteht durch Gefühle. Diese wiederum sind Gradmesser von Bedürfniserfüllung. Und das Bedürfnis nach Reiz ist ein sehr kurzorientiertes. Der Mensch wird Opfer seiner Anlagen, die eigentlich nicht für die heutige technische und mediale Reizumwelt entwickelt wurden. Sie sind zwar nicht mehr auf dem Stand der medialen Vermittlung von Themen durch den mittelalterlichen Moritatensänger, der Monate nach einem Ereignis davon im Dorf sang. Dann konnte man davon einige Monate betroffen sein. Heute ist das Gegenteil der Fall. Die vielen Informationsjunkies, die im Stundenrhythmus in die Newsticker schauen, sind Symptom der neuen inneren Überschwemmung.

Und es wird hier kein technisches Zurück geben. Damit nicht ein hektisches Zappeln aufgrund immer neuer Reize entsteht, muss der Mensch hier lernen. Was ist wirklich wichtig, was verdient Aufmerksamkeit? Dafür muss er/sie sich selbst kennenlernen. Andere werden es nicht für ihn/sie lösen. Wie sind "meine Muster"? Das eigene "Persönlichkeitskostüm" erkennen und Persönlichkeitsentwicklung sind die Themen des 21. Jahrhunderts.


 
 
Der Gesetzgeber hat das Festlegen von Vertriebszielen für die Mitarbeiter in Banken aufgrund der darin enthaltenen mangelnden Kundenorientierung erschwert. Fällt nun eine der „Säulen der Führung“. 

Die Argumentation ist dabei, dass die dort enthaltenen eindeutigen Produktvertriebsziele das Gegenteil einer kundenorientierten Beratung bewirken. Denn sie gehen darauf aus, bestimmte Produkte eines Unternehmens in einem ganz bestimmten Ausmaß zu verkaufen. Der Kundenbedarf steht also nicht im Vordergrund, sondern das Interesse des Unternehmens. 
 
Oft diente die ganze Zielvereinbarungsprozedur ohnehin nur als Krücke für schwache Führungssysteme. Zielvereinbarungen, die meistens mehr Zielvorgaben waren, versuchten nur die Folgeprobleme von wenig überzeugender Führung zu  kompensieren. Sie gaben vor allem den Topmanagern eine scheinbare Orientierung und Sicherheit, wohin es zahlenmäßig gehen soll, die sie dann ihren Taktgebern, den Analysten und Eigentümern, rückmelden konnten. 
 
Und es hat in dieser Hinsicht auch halbherzige Korrekturversuchen gegeben. So versuchte man mit der Balance Scorecard – Konzeption ein Aufweichen der rein zahlenmäßigen Finanzorientierung, in dem auch Entwicklungsziele des Lernens, der Prozesse und sogar Kundenzufriedenheit in Ziele gefasst wurden. 
 
Es war eine Form von Umarmung mit ihren eigenen Mitteln, aus der sich die Zahlenmenschen nicht sollten lösen können. Systemisch gesprochen waren die Versuche, die Ziele auf andere Bereiche auszuweiten, ein Ankoppelungsversuch getreu der Maxime, dass man an ein System nur in dessen eigenen Strukturmechanismen ankoppeln kann.

Dabei vergaß man allerdings, dass man mit der ständigen Betonung des noch nicht Erreichten und dem immer wieder neu anfangen Müssen den Menschen die Stabilität und das Vertrauen aushöhlt. Mittlerweile traute man sich immer weniger, die Leute selbstbestimmt arbeiten zu lassen und Zutrauen zu ihnen zu haben. Viele gefielen sich auch in der machtvollen Bestimmerrolle.
Aber man hatte und hat sich damit in dasselbe Dilemma manövriert, in dem die Kader der Planwirtschaft vor 1990 ebenfalls waren. Nicht  der Mensch regiert die Ziele, sondern die Ziele und der Plan ihn. Dabei werden  alle Unwegbarkeiten vergessen und die Welt zahlenmäßig  zurechtgebogen.

Falls die Zielfixierung und der damit verbundene Quantizierungswahn nun zu Recht
hinterfragt werden, gilt es Führung neu auf Vertrauen, sinnvolle Strategie und
Überzeugungskraft aufzubauen. Führungskräfte werden wieder ihren Namen verdienen
und nicht nur lebende Controllingautomaten sein. Dies erfordert allerdings in der Regel
professionelle Persönlichkeitsentwicklung.

Weiterführende Literatur:
Mohr, G.: Lebendige Unternehmen führen, Frankfurt: FAZ-Buchverlag 2000.
 
 
Menschen, die heute knapp über 50 sind, waren früher schon die deutlich Älteren. In der Regel gab es schon drei Generationen mit mehren Kindern und einer Reihe Enkelkinder. Die über 50-Jährigen thronten auf der Familienpyramide. Respekt und Anerkennung waren ihnen meist gewiss und wichtig. Und es betraf nicht nur die Familie, sondern auch das Arbeitsleben. Der alte Bauer war in der Regel geachtet, hatte seinen Platz, ohne in die Konkurrenz mit den Jüngeren gestellt zu werden.

Heute teilen sich die über 50-Jährigen in zwei Gruppen. Es gibt die, die sich in eine machtvolle oder unabhängige Position gebracht haben und die, die in abhängiger Position den Anweisungen anderer folgen müssen. Die erste Gruppe besteht aus Führungskräften, Menschen, die in unbedrängter Position im öffentlichen Dienst arbeiten oder auch Freiberuflern. Dort ist eine relative Unabhängigkeit, Geschütztheit und Selbstbestimmung zu einem gewissen Grade vorhanden.

In der zweiten Gruppe befinden sich die, die in der beschleunigten und auf absolute Rationalisierung getrimmten Wirtschaft Vorgaben und Anweisungen erfüllen sollen. Was für jüngere Menschen aufgrund einer vermeintlich danach liegenden besseren Perspektive oder aufgrund mangelnder Erfahrung oft akzeptabel ist, wird bei den über 50-Jährigen zum Problem. Dies hängt auch sehr stark mit der Perspektive zusammen. Geht es darum, einigermaßen selbstbestimmt im Berufsleben seinen Teil beizutragen oder darum, noch 15 Jahre irgendwie die Fremdbestimmtheit aushalten zu können, um danach in die Freiheit und Selbstbestimmtheit einzuziehen?

Es gibt Hinweise dafür, dass die Psyche des Menschen in bestimmten Altern auch bestimmte Themen hat, so wie es in der Pubertät offensichtlich ist. Nun ist das sogenannte mittlere Erwachsenenalter im Vergleich zur Kindheit, Jugend und dem höheren Erwachsenalter (den alten Menschen) wenig erforscht. Es hat den Anschein, als werden alle Menschen zwischen 20 und 65 psychologisch als gleich angesehen. Allerdings deutet einiges darauf hin, dass hier sehr tief verwurzelte Beziehungsmuster, wie etwa der Respekt und die Anerkennung Älteren gegenüber in nahezu jeder Kultur eine Rolle spielen. Dies ist allerdings in vielen Arbeitszusammenhängen aufgrund vermeintlicher Sachzwänge heute nicht mehr gewährleistet. Alle werden nach den gleichen Leistungsschablonen gemessen. Auch Führungskräfte, die heute oft jünger sind als ihre Mitarbeiter haben hier keine Wahl, weil auch sie in Ziel-, Leistungs- und Controllingsysteme eingebunden sind.

Die krampfhaften Argumentationen über die größere Erfahrung von Älteren, die doch wertzuschätzen sei, finden sich in der Praxis leider selten realisiert. Wie andere Elemente von Coporate Social Responsibility unterscheidet sich die Broschürenwirklichkeit von der tatsächlich gelebten fundamental.

Aus der ganzen Problematik gibt es heute nur mehr einen Ausweg. War es lange Zeit so, dass die Menschen in abhängigen Beschäftigungen Mitte 50 überlegten, mit welchem Instrument aus Altersteilzeit, Vorruhestand etc. sie aus dem fremdbestimmten Berufsleben ausscheiden, ist dieser Weg heute verbaut. Der Ausweg wird also über die Unternehmenskultur gehen müssen. Im Rahmen von Diversityprogrammen müssen sich Unternehmen etwas für die Älteren überlegen. Die gängigen Ziel- und Leistungssysteme sind für diese Beschäftigtengruppe zu variieren. Da auf der anderen Seite die älteren Mitarbeiter gebraucht werden, ist hier auch ein ökonomischer Druck in Richtung von Lösungen vorhanden. Dies gibt Hoffnung, dass die älteren Mitarbeiter die Wertschätzung bekommen, die ihnen zusteht.

 
 
Finanzkrise und Atomkrise haben etwas gemeinsam. Sie fußen auf Denkmodellen, die in einer bestimmten Weise mit Risiken umgehen. Wie wahrscheinlich ist das Eintreten eines bestimmten Ereignisses? Welche Situationen müssen zusammenkommen, damit etwas Bestimmtes geschieht?
Risikomanagementsysteme versuchen das zu erfassen. Dabei ist die Grundlage die Einschätzung der Wahrscheinlichkeiten aus Zeiträumen der Vergangenheit. Was ist schon einmal passiert? Wie oft war das? Hinzu kommt eine grundlegend multiplikative Verknüpfung der Wahrscheinlichkeiten bei als unabhängig angenommenen Ereignissen. Beim Lottospielen ergibt sich für den maximalen Gewinn eine Wahrscheinlichkeit von etwa 1 zu 14 Millionen. Ein solches Ereignis gibt es für den einzelnen eigentlich gar nicht. Aber dennoch scheint es viele Leute anzusprechen.   

In Finanzkonstruktionen und technischen Konstruktionen wie der Atomkraft ergibt das Denkmodell sogenannte Restrisiken, die man vernachlässigen kann. Psychoanalytisch gesprochen findet eine Abspaltung dieser Wahrnehmung statt, ein interessanter Begriff im Zusammenhang mit Atomkraft. Landläufig würde man eher von Ausblendung oder Abwertung des Wissens sprechen. Dies führt zu dem, was der Transaktionsanalytiker Berne mit Damokles-Skript bezeichnet hat. Man weiß, dass man arg bedroht ist, tut aber so, als könne man es ignorieren. Aber irgendwann erwischt es einen.
Wie ich in „Wirtschaftskrise und neue Orientierung“ (Berlin: ProBusiness 2009) dargestellt habe, steht aber anderes an. Es geht um Substanz und Anerkennung der Realität, nicht um schnelle und einfache Profite, die man sich teuer mit späteren Risiken erkauft.
Damokles sollte nicht der implizite Leader der Wirtschaftspolitik sein.

(Kommentar zu „Die Ankunft des schwarzen Schwans“ von Gabor Steingart,
http://www.handelsblatt.com/panorama/aus-aller-welt/die-ankunft-des-schwarzen-schwans/3962600.html?p3962600=all)

 
 
 Sei doch nicht so pessimistisch! Sieh doch nicht so schwarz! Denk doch einfach positiv! Man kann das Glas als halb leer oder halb voll ansehen. Sieh es doch einfach als halb voll an. Nicht wenige, die Entwicklungen in Gesellschaft und Wirtschaft hinterfragt haben, sind mit diesen Parolen konfrontiert worden. Dabei hatten sie oft nur einen wichtigen Punkt im Auge. Aber die positiv verklärenden Killerphrasen haben das kritische Auge ersetzen wollen.

Die Nachdenklichen und Bedächtigen waren blockierende Bedenkenträger, die den Fortschritt und die Prosperität nur aufhielten. In der Organisationsentwicklung wurden die Widerständler im Schaubild schon einmal als viereckige Klötze dargestellt, während die vorauseilenden Aktivlinge als stromlinienförmige Dreiecke aufgemalt wurden.

Gerade in der Psychoszene hat sich in den letzten Jahren eine Theorie der Individualisierung des Glücks und der Propagierung des positiven Denkens breit gemacht. Ob Motivationsgurus oder Anhänger neuerer Psychomethoden, alle empfahlen vehement das positive Denken.

Kritisch den Verhältnissen gegenüber stehen und grundlegende Entwicklungen und Änderungen zu fordern, wurde mehr und mehr zu einem persönlichen Problem des Einzelnen oder als Widerstand gegen Verantwortung für das eigene Glück deklariert. Denn man kann sich alles Glück in der Wellnesswelt kaufen oder mit Therapie individuell erarbeiten. Du musst noch an Dir arbeiten, war ein verbreiteter Rat.

Dazu beigetragen hat auch eine in der letzten Zeit populäre gewordene psychologische Richtung, die so genannte positive Psychologie. Diese von Martin Seligman, einem der kognitiven Verhaltenstherapie zuzuordnenden Psychologen propagierte Richtung kommt mittlerweile sehr unter Druck, weil Zusammenhänge zu amerikanischen, rechten politischen Bewegungen aufgedeckt wurden. Die Financiers der Untersuchungen zur positiven Psychologie kommen aus dieser Richtung. Die Orientierung ist dabei, die Zufriedenheit mit dem Bestehenden zu betonen. Das fragen dann die Tests entsprechend auch ab. Es geht also darum, den Status Quo konservativ zu erhalten.  

Eine interessante Untersuchung hat auch herausgefunden, dass Menschen mit eher linker politischer Auffassung weniger glücklich und zufrieden sind als rechte. Denn sie haben immer das Gefühl, dass es etwas zu verändern ist, dass die Welt besser werden sollte. Das ist kein Glücksbringer, sondern schafft Unbehagen. Dies ist ohne weiteres nachvollziehbar. Aber vielleicht geht es in der Welt gar nicht darum, sich immer gut zu fühlen.

Genauso fand man heraus, dass das positive Denken zwar für die umgebenden Menschen ein feiner Zug ist. aber von einer positiven körperlichen Rückwirkung des positiven Denkens auf einen etwa von Krankheit Betroffenen lässt sich nichts wirklich nachweisen. Menschen, die weniger positiv denken, haben keinen schlechteren Krankheitsverlauf.

Implizit ist in der positiven Psychologie die Individualisierung des Glücks enthalten. Der einzelne ist seines Glückes Schmied. Leiste etwas und du wirst die Früchte ernten. Insofern wundert es nicht, dass sie auch von Vertretern der einfachen neoliberalen Wirtschaftstheorie gerne genommen wurde.

Es wurde suggeriert, dass positives Denken glücklicher und gesünder macht. Ein Krebspatient, den ich in meiner Beratungspraxis begleiten durfte, hatte dies soweit verinnerlicht, dass er sich zusätzlich ärgerte und das Leben schwer machte, wenn er keine positiven Gedanken hatte. Es machte im Endeffekt keinen Unterschied, aber er fühlte sich jedes Mal erleichtert, wenn er durch meine Erlaubnis, seine ganze Wut und seine Verzweiflung äußern durfte.

Bei Lichte betrachtet ist jedem offensichtlich, dass die wesentliche Bedingung für ein auskömmliches Leben in den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen eines Landes liegt, mit der der Einzelne, wenn er dort lebt, einfach von außen konfrontiert ist. Wo du geboren wirst, in welchem Milieu du aufwächst, ist entscheidend für dein späteres Leben. Da macht es keinen Sinn, missliche Verhältnisse positiv wegzudenken. Es ist ein Hohn denen gegenüber, denen die erlebten Verhältnisse in den Knochen stecken.

Nun scheint man sich tatsächlich zu besinnen und den Nutzen des Bedenkens zu erkennen. Dies gilt nicht nur auf individueller Ebene. Auch die manischen Züge mancher wirtschaftlicher Bereiche zeigen ihre Effekte. Ob Finanzkrise oder Atomkraft, das systematische Ausblenden von Risiken und Bedenken mittels Einlullen in Chancen, positivem Denken und Wellnesszonen ist ein Irrweg.

Auch wenn es schwer ist, Menschen sollte das Ganze des Lebens mit allen seinen Gefühlen und auch seinen Grenzen annehmen und nicht irgendetwas mental konstruieren, das zufällig bestimmte Verhältnisse stabilisiert. D
ies ist umso wichtiger, als langsam die Generation ausstirbt, die die Schattenseiten des menschlichen Lebens sehr stark erleben musste. Die "nichts ist unmöglich" - Philosophie ist zu hinterfragen.

„Es gibt nichts Richtiges im Falschen“ (T. W. Adorno)


 
Ägypten 02/03/2011
 
Eine der langfristigen Impulse dieser Finanz- und Wirtschaftskrise scheint Transparenz zu sein. Es betrifft  Zustände und Informationen. Vieles, was in Politik und Wirtschaft ausgeblendet war, kommt zum Vorschein. Dies betrifft auch den Hinterhof des Westens, der nicht immer so menschenwürdig ist, wie man sich das wünschte. Dies lässt sich eine Zeitlang ausblenden. Aber zunehmend werden die Ungereimtheiten innerhalb des globalen Systems präsent. Ausblendung ist eine mehr oder weniger bewusste Aufmerksamkeitsfokussierung an wesentlichen Dingen vorbei. Die Aufhebung der Ausblendung bringt die Fakten in den Gesichtskreis.

Es begann mit spektakulären Fällen wie Enron und Worldcom, ging dann weiter mit Lehman Brothers. Dort hatte man Bilanzen und Risiken einfach falsch dargestellt. Cerviel und Madoff, die Empörung kannte keine Grenzen, aber es waren einzelne. Dann die vielen kleineren Banken und Landesbanken, die ebenso die Realität ausgeblendet hatten (Mohr, 2009, Wirtschaftskrise und neue Orientierung), die Banker von nebenan, die dachten, die großen Räder in aller Welt mitdrehen zu können.
Die Bewältigungen der Krise liefen ebenso nach dem Prinzip "Koste es, was es wolle." Zuerst waren es die wirtschaftlichen Ausblendungen, jetzt kommen die größeren gesellschaftlich-politischen zur Aufdeckung.

Nun zeigen sich erste Resulate. Handfeste ökonomische Veränderungen wie auf den Rohstoffmärkten betreffen viele Entwicklungsländer. Die Weltordnung bricht an der sensiblen Stelle des Nahen Osten auseinander, die seit der Ölkrise 1973 mit merkwürdigen Konstruktionen zusammengeflickt war. Die Menschen waren dabei zum Teil nicht mehr im Blickwinkel.

Die Bürger überall auf der Welt sind Weltbürger. Sie werden schon lange mit unseren Fernsehserien weltweit verwöhnt. Nicht nur die amerikanischen Serien, auch Derrick und Mutter Beimer haben ihnen jahrelang als mediale Exportschlager die Welt in unserem Sinne erklärt. Nun klagen sie sie ein.   

Im Ernst: Alle Weltbürger haben Menschenwürde verdient und zwar sofort, nicht nach einem langen autokratisch geleiteten Erziehungsprozess, der erfahrungsgemäß nur bestimmte Herrschaftsverhältnisse stabilisiert.


Auch existiert das world wide web, CNN und mittlerweile Wikileaks mit seinem Totaltransparenzanspruch. Ob man das jetzt gut findet oder nicht. Die Welt wird transparenter auch darin dynamischer. Die vielen Ausblendungen, die uns gelangen, sind vorbei.  

Die Wirtschaftskrise wird in ihrem Impuls noch manchen zum Wundern bringen.



 
 
Timothy Geitner, der amerikanische Finanzminister, hat gestern vor einem Staatsbankrott der USA gewarnt. Die in dieser Woche aufgelegte portugiesische Staatsanleihe muss darum bibbern, Käufer zu finden. Vielleicht  tritt die EZB ja als Käufer ein. Aber war das nicht Gelddrucken, wie es Helmut Schmidt deutete?
König Albert II. hat sich zur wirtschaftlichen Lage seines Landes Belgien in einer Ansprache nicht sehr optimistisch geäußert. Die armen Belgier haben seit April keine Regierung mehr, aber die EU-Ratspräsidentschaft gut hingelegt. Respekt, aber man fragt sich, wie das geht.  

Und „der deutsche Patient“, wie es lange in Europa über die größte Volkswirtschaft der EU hieß, nimmt gerade einen anderen Verlauf. Er wirtschaftwundert wieder einmal. 3,5 Prozent Wachstum nach 5 % Rezession. Meine Tochter lernt gerade für das Abitur im Fach "Politik und Wirtschaft" die Konjunkturzyklen. Ich kann ihr die vier Konjunkturzyklen Aufschwung – Boom – Abschwung – Konjunkturschwäche
kaum mehr am Beispiel erklären.

Schauen wir einmal genau hin, woran der deutsche Aufschwung 2010 hing, an welchem Faden. Es sind sechs Faktoren:
  1. Lohnzurückhaltung – geringe Lohnerhöhung in den letzten Jahren dank vorsichtiger Tarifabschlüsse.
  2. Halten der qualifizierten Stammbelegschaften durch die Unternehmen in der Krise 2007-2009.
  3. Wiederbelebte Exportnachfrage nach China und in die Schwellenländer.
  4. Währungsvorteile – Deutsche Wirtschaft profitiert von relativer Schwäche durch schwache Euro-Mitglieder, die die Währung schön schwach machen.
  5. Konjunkturprogramme, die die öffentlichen Haushalte als stärkere Nachfrager erleben lassen. (Ich konnte es selbst vor der Haustür erleben, als die Gemeinde in einem Dreivierteljahr Bauzeit einen Platz baulich umgestalten ließ.) Auch ein abgewracktes Auto hätte man sich leisten sollen.
  6. Geldpolitik – günstige Liquidität durch EZB: Für 1 % Zinsen auf ein ganzes Jahr fest konnten Geschäftsbanken von der EZB Liquidität bekommen. Etwa 1300 mal haben europäische Banken – ich wusste gar nicht, dass es so viele gibt - dieses Angebot wahrgenommen. Eine Bank, die davon 1 Mrd. Euro aufnahm und davon 5 %er Griechenlandanleihen, die unter den Rettungsschirm genommen wurden,  kaufte, hat also in einem Jahr damit – quasi ohne Risiko – 40 Mio. Euro vor Steuern verdient.

Insgesamt sind 1-2 recht honorige Verhaltensweisen.

Nr. 3 ist äußerst riskant, denn von der Hoffnung getrieben, dass die Exporte, die teilweise über Jahre finanziert werden, auch bezahlt werden.

Nr. 4 ist etwas, das bei einer Pleite einzelner Euroländer sehr teuer ausgeglichen wird.

Nr. 5 lassen wir jeden einzelnen aus seinem Erleben begutachten.

Nr. 6 wirkt wie ein Taschenspielertrick.

Insgesamt bleibt die Nervosität. Wirkliche substantielle Reformen sind trotz zur Schau getragener Empörung bisher nicht realisiert.

Es bleibt weiter spannend.

Lit.: Mohr, G. Wirtschaftskrise und neue Orientierung, Von angst und Gier zu Substanz und Anerkennung, Berlin: ProBusiness 2009.  

 
 
Triffst Du Buddha unterwegs, töte ihn!
Dieser martialische Satz ist ein Hinweis für den Menschen auf dem Meditationsweg, sich nicht von Formen beeindrucken zu lassen.


Nun begeben wir uns nach Indien, das jedes Mal nach dem erneuten Betreten mit vielen Herausforderungen für den Europäer aufwartet. Augen, Ordnungssinn, Nase und Temperaturempfinden werden aufs Äußerste beansprucht. Neben diesen äußeren Faktoren eignet sich Indien wie kaum ein anderes Land für die die innere Reise.

Andreas Altmann, der  sich bisher einen Namen als Reiseschriftsteller gemacht hat, betritt diesen inneren Pfad. Er hat an einer zehntägigen Vipassana-Meditation teilgenommen. Im Buch mit obigem Titel beschreibt er die Erfahrungen, die er dabei macht. Dazu gehören die Gedanken, die einem bei täglich achtstündigem Sitzen in Meditationshaltung sowie auch in der restlichen Zeit durch den Kopf gehen. Das Schweigen wird täglich lediglich von einem kurzen, eher standardisierten Gespräch mit dem Leiter unterbrochen. Wenn ich die vielfältigen inneren Bewegungen bei ihm lese, fällt mir ein, dass kürzlich eine Untersuchung herausfand, dass Gelassenheit wesentlich damit zu tun hat, sich selbst aushalten zu können, mit sich selbst alleine sein zu können. In der Meditation wird schnell klar, wen man alles mit sich rumschleppt, selbst, wenn keiner da ist. 

Zu Beginn des Buches beschreibt Altmann noch einige spezielle Erfahrungen, mit denen er das Erleben des Westlers in Indien offenbart. Dazu gehört eine Fahrt im Vorortzug genauso wie die Auseinandersetzung mit den Kasten. Auf dem Hintergrund des eigentlichen Buchschwerpunktes, der strengen Vipassana-Meditation, stellt der Autor dann seine persönliche Auseinandersetzung mit vielen Themen des menschlichen Lebens dar: Geldverdienen, Beziehungen, Sex, Partnerschaften.

Viele Themen erfahren bei ihm in der Meditation geradezu eine Standpunktschärfung. Und die ist alles andere als entsprechend den gängigen Erwartungen der Meditationsszene. Religionsprimborium ist nicht sein Fall. Er will nicht das, was er bei der Religion seiner christlichen Ursprungskultur kritisiert, in der indischen Variante in anderer Form wieder einkaufen, wie es viele Fans von spirituellen Lehren tun und gar als Fortschritt deklarieren. Das in einem Ashram geschriebene Schild „Keep your shoes and mind out“ findet im zweiten Teil seine entschiedene Empörung. Seinen Verstand möchte er weiter benutzen dürfen. Dass damit der im buddhistischen Sprachgebrauch unkontrollierte, konditionierte und herumschwirrende  Affengeist („monkey mind“) gemeint ist, ist ihm nicht klar. Aber er hat ja auch Recht. Nur der integrierte Einsatz der Aufmerksamkeitsmöglichkeiten eines Menschen, wozu Gefühl, Denken und Meditation gehören, schafft wirklich Selbstentwicklung.  

Altmann hält trotz vieler Störungen die Woche durch. Man ist schon etwas an Jesus mit seinen vielen Versuchungen erinnert. Das Interessanteste ist Folgendes: Obwohl er sehr viel der buddhistischen Haltung angenommen hat, wirft er nach der buddhistischen Meditation seine fünf im eigenen Haushalt angesammelten Buddhas weg. Auch von seinem „Ich“, möchte er sich aber entgegen der buddhistischen Empfehlung nicht trennen. 

Aber eine rechte Distanz und Fernbetrachtung seines eigenen „Persönlichkeitskostüms“, wie ich das erworbene Persönlichkeitsmuster gerne nenne, kommt nicht zustande. Dies – und hier oute ich mich – setzt neben spiritueller Musikalität auch Wissen und psychologische Kenntnisse voraus. Er hält dagegen für sich implizit das alte Neil-Young-Prinzip hoch „Better to burn out than to fade away“. So sei er schon immer gewesen und bleibe er nun auch mal.  

 

Lit.:

Altmann, Andreas (2010): Triffst Du Buddha unterwegs. Töte ihn.

Mohr, Günther (2011): Das Kunstwerk Deines Lebens, in Druck.