Finanzkrise und Atomkrise haben etwas gemeinsam. Sie fußen auf Denkmodellen, die in einer bestimmten Weise mit Risiken umgehen. Wie wahrscheinlich ist das Eintreten eines bestimmten Ereignisses? Welche Situationen müssen zusammenkommen, damit etwas Bestimmtes geschieht?
Risikomanagementsysteme versuchen das zu erfassen. Dabei ist die Grundlage die Einschätzung der Wahrscheinlichkeiten aus Zeiträumen der Vergangenheit. Was ist schon einmal passiert? Wie oft war das? Hinzu kommt eine grundlegend multiplikative Verknüpfung der Wahrscheinlichkeiten bei als unabhängig angenommenen Ereignissen. Beim Lottospielen ergibt sich für den maximalen Gewinn eine Wahrscheinlichkeit von etwa 1 zu 14 Millionen. Ein solches Ereignis gibt es für den einzelnen eigentlich gar nicht. Aber dennoch scheint es viele Leute anzusprechen.   

In Finanzkonstruktionen und technischen Konstruktionen wie der Atomkraft ergibt das Denkmodell sogenannte Restrisiken, die man vernachlässigen kann. Psychoanalytisch gesprochen findet eine Abspaltung dieser Wahrnehmung statt, ein interessanter Begriff im Zusammenhang mit Atomkraft. Landläufig würde man eher von Ausblendung oder Abwertung des Wissens sprechen. Dies führt zu dem, was der Transaktionsanalytiker Berne mit Damokles-Skript bezeichnet hat. Man weiß, dass man arg bedroht ist, tut aber so, als könne man es ignorieren. Aber irgendwann erwischt es einen.
Wie ich in „Wirtschaftskrise und neue Orientierung“ (Berlin: ProBusiness 2009) dargestellt habe, steht aber anderes an. Es geht um Substanz und Anerkennung der Realität, nicht um schnelle und einfache Profite, die man sich teuer mit späteren Risiken erkauft.
Damokles sollte nicht der implizite Leader der Wirtschaftspolitik sein.

(Kommentar zu „Die Ankunft des schwarzen Schwans“ von Gabor Steingart,
http://www.handelsblatt.com/panorama/aus-aller-welt/die-ankunft-des-schwarzen-schwans/3962600.html?p3962600=all)

 
 
Timothy Geitner, der amerikanische Finanzminister, hat gestern vor einem Staatsbankrott der USA gewarnt. Die in dieser Woche aufgelegte portugiesische Staatsanleihe muss darum bibbern, Käufer zu finden. Vielleicht  tritt die EZB ja als Käufer ein. Aber war das nicht Gelddrucken, wie es Helmut Schmidt deutete?
König Albert II. hat sich zur wirtschaftlichen Lage seines Landes Belgien in einer Ansprache nicht sehr optimistisch geäußert. Die armen Belgier haben seit April keine Regierung mehr, aber die EU-Ratspräsidentschaft gut hingelegt. Respekt, aber man fragt sich, wie das geht.  

Und „der deutsche Patient“, wie es lange in Europa über die größte Volkswirtschaft der EU hieß, nimmt gerade einen anderen Verlauf. Er wirtschaftwundert wieder einmal. 3,5 Prozent Wachstum nach 5 % Rezession. Meine Tochter lernt gerade für das Abitur im Fach "Politik und Wirtschaft" die Konjunkturzyklen. Ich kann ihr die vier Konjunkturzyklen Aufschwung – Boom – Abschwung – Konjunkturschwäche
kaum mehr am Beispiel erklären.

Schauen wir einmal genau hin, woran der deutsche Aufschwung 2010 hing, an welchem Faden. Es sind sechs Faktoren:
  1. Lohnzurückhaltung – geringe Lohnerhöhung in den letzten Jahren dank vorsichtiger Tarifabschlüsse.
  2. Halten der qualifizierten Stammbelegschaften durch die Unternehmen in der Krise 2007-2009.
  3. Wiederbelebte Exportnachfrage nach China und in die Schwellenländer.
  4. Währungsvorteile – Deutsche Wirtschaft profitiert von relativer Schwäche durch schwache Euro-Mitglieder, die die Währung schön schwach machen.
  5. Konjunkturprogramme, die die öffentlichen Haushalte als stärkere Nachfrager erleben lassen. (Ich konnte es selbst vor der Haustür erleben, als die Gemeinde in einem Dreivierteljahr Bauzeit einen Platz baulich umgestalten ließ.) Auch ein abgewracktes Auto hätte man sich leisten sollen.
  6. Geldpolitik – günstige Liquidität durch EZB: Für 1 % Zinsen auf ein ganzes Jahr fest konnten Geschäftsbanken von der EZB Liquidität bekommen. Etwa 1300 mal haben europäische Banken – ich wusste gar nicht, dass es so viele gibt - dieses Angebot wahrgenommen. Eine Bank, die davon 1 Mrd. Euro aufnahm und davon 5 %er Griechenlandanleihen, die unter den Rettungsschirm genommen wurden,  kaufte, hat also in einem Jahr damit – quasi ohne Risiko – 40 Mio. Euro vor Steuern verdient.

Insgesamt sind 1-2 recht honorige Verhaltensweisen.

Nr. 3 ist äußerst riskant, denn von der Hoffnung getrieben, dass die Exporte, die teilweise über Jahre finanziert werden, auch bezahlt werden.

Nr. 4 ist etwas, das bei einer Pleite einzelner Euroländer sehr teuer ausgeglichen wird.

Nr. 5 lassen wir jeden einzelnen aus seinem Erleben begutachten.

Nr. 6 wirkt wie ein Taschenspielertrick.

Insgesamt bleibt die Nervosität. Wirkliche substantielle Reformen sind trotz zur Schau getragener Empörung bisher nicht realisiert.

Es bleibt weiter spannend.

Lit.: Mohr, G. Wirtschaftskrise und neue Orientierung, Von angst und Gier zu Substanz und Anerkennung, Berlin: ProBusiness 2009.  

 
Wirtschaftskrise 07/09/2009
 
Betrachtungen zu Wagenknecht, S.: Wahnsinn mit Methode – Finanzcrash und Weltwirtschaft, Berlin: Verlag Das Neue Berlin 2008.

Darauf hat Sarah Wagenknecht wahrscheinlich lange gewartet: mit dem Kapitalismus einmal kräftig abrechen zu können. Als Frontfrau der kommunistischen Plattform ist sie bekannt geworden und als Europaabgeordnete der Linken trägt sie politische Verantwortung. Deshalb wundert es nicht, dass das Buch durch klare Analyse und deutliche Standpunkte besticht.

Die Autorin beginnt mit der Betrachtung der Kreditblase am amerikanischen Immobilienmarkt. Dann nimmt sie sich das Vorgehen der Private Equity Firmen und ihr Geschäftsmodell gegenüber Unternehmen vor. Beide Systeme führen aus ihrer Sicht aus kurzfristigen Renditeerwartungen zur Überschuldung der jeweiligen Wirtschaftssubjekte, einmal der privaten Häuslebauer, die meist nach ihrem kurzen Frühling im eigenen Haus von den steigenden Zinsen in höherer Verschuldung, persönlicher Verarmung, oft Obdachlosigkeit zurückgelassen werden. Im zweiten Fall werden Unternehmen betrachtet, die von den Finanzinvestoren, Münteferings „Heuschrecken“ aufgekauft werden. Die Finanzinvestoren sind als private equity von privaten Geldern großer Vermögensbesitzer oder auch Fonds gespeist, die mehr Rendite erzielen sollen, als es am normalen Kapitalmarkt möglich ist. Vom Prinzip her ist dies betriebswirtschaftlich auch nachvollziehbar. Ob die Begleiterscheinungen volkswirtschaftlich wünschenswert sind, steht auf einem anderen Blatt. Als Nächstes nimmt sie den von ihr so genannten Verbriefungstrick aufs Korn. Wie konnte es passieren, das aus schlechten Krediten bald hervorragend geratete Papiere wurden, mit denen sich die russische oder chinesische Staatsbank in großen Teilen eindeckte und die so von „braven“ Steuerzahlern aus Irkutsk oder Shanghai finanziert wurden? 

Anschließend folgt eine Analyse des bisherigen Crashs aufgrund von Spekulationsblasen. Sie nimmt dazu das Minsky-Modell der verschiedenen Finanzierungen Hedge-Finanzierungen, spekulative Finanzierungen und Ponzi-Finanzierungen. Die Ponzi-Finanzierungen sind nach deinem italienischen „Geschäftsmann“ Anfang des 20. Jahrhunderts in Amerika benannt. Ponzi hatte das Prinzip eingeführt, Kredite mit immer wieder neuen Krediten zu bedienen, wenn die Einnahmen nicht einmal für die Bedienung der Zinsen dienen, ein Prinzip nach dem heute immer noch viele Entwicklungsländer verfahren müssen. Die großen Finanzjongleure sind für Wagenknecht wesentlich verantwortlich für die Aufblähung der Blasen.

Deutlich stellt die Autorin die Wirkungen statistischer Zahlen auf die Wirtschaftsentwicklung heraus. Die Hälfte der Wirtschaft ist Psychologie. Das wussten wir schon. Wagenknecht beleuchtet, wie mit Zahlen Stimmung gemacht wird. Sie wundert sich über die veröffentlichten Zahlen und unterstellt Wirkungsmache. In dem Moment, als in den USA der Rückgang der Neubauten 11 Prozent und der der Autoverkäufe 25 % betrug, vermeldete die US-Wirtschaft 3,3 % Wirtschaftswachstum. Mit Zahlen kann man die entscheidende Stimmung machen.

Als Ursache für die Krisen macht Wagenknecht die fehlgeleitete Steuerung der Wirtschaft aus. Nicht der Bedarf der Menschen bestimme die Investitionen und die Produktion, sondern die Rendite von Vermögen, die jenseits jeder Konsummöglichkeit sind. Außerdem betrachtet sie die Profiteure der Krise. Als Ursache für die gesamte Entwicklung macht sie den Renditehunger der größten Vermögen aus. Die Vermögensverteilung ist nach ihrer Recherche heute noch ungünstiger verteilt als vor der Wirtschaftskrise 1929, als die Verteilung der Vermögen und Einkommen auch sehr konzentriert war und so keine genügende Nachfrage entstehen ließ, dass sich die Produktion von Gütern und Dienstleistungen noch ausreichend lohnte.

Sarah Wagenknecht ist Marxistin und hat demzufolge ein klares Grundbild, das sie in der Krise bestätigt findet. Dennoch ist das Buch lesenswert und auch mit vielen Beispielen garniert gut zu lesen. Insgesamt wäre eine etwas klarere Recherchenachvollziehbarkeit schön gewesen. Sie ist offenbar im Gegensatz zu ihrem großen und häufiger zitierten Vorbild Karl Marx eher Zweitverwerter.

Dazu gehört auch die Vorstellung, dass die oberen Zehntausend die Drahtzieher des Unheils sind. Was sie beispielsweise nicht erwähnt ist, dass sich an der Renditesucht nicht zuletzt amerikanische Pensionsfonds von Arbeitern beteiligt gezeigt haben. Die Manager dieser Pensionsfonds haben sich zeitweise als strengsten Renditeverfechter gebärdet und dazu beigetragen, viele Unternehmen und ihre aktuell Beschäftigten unter enormen Druck zu setzen. Es geht also nicht um überzogene kapitalistische Praktiken einzelner Leute, sondern um eine Logik, die bei großen frei flottierenden Kapitalmengen von selbst entsteht. Es gilt also die gesellschaftliche Aufgabe anzunehmen, für mehr Verteilungsgerechtigkeit zu sorgen.

Dennoch ist das Buch lesenswert und auch mit vielen Beispielen garniert gut zu lesen. Insgesamt wäre eine etwas klarere Recherchenachvollziehbarkeit schön gewesen. Sie ist offenbar im Gegensatz zu ihrem großen und häufiger zitierten Vorbild Karl Marx eher Zweitverwerter.
 
Weiterführende Literatur:
Mohr, G. Wirtschaftskrise und neue Orientierung, Berlin:ProBusiness 2009.