Bankalltag 09/21/2011
Arthur Hoffman ist Kassierer in einer Bank. Sein Leben ist von klaren Strukturen, täglichen Wiederholungen und einem absolut voraussagbaren Tagesablauf geprägt. Doch bald fängt es in ihm an zu rumoren. Er stellt fest, dass ihm bestimmte gefühlsmäßige Reaktionen im Leben fehlen. Das Lachen ist ihm abhanden gekommen. Er beginnt bei sich danach zu forschen. Er erinnert sich nicht, wann er zuletzt gelacht hat. Gibt es dieses Verhalten bei ihm nicht, oder ist es nur verloren? Das Rumoren wird immer stärker. Arthur wird die Wirkung der Bankfiliale auf seinen Gemütszustand zunehmens bewußt. Das Innenleben einer Bank schildert der Autor dieser Geschichte, Alexander Ludwig, in feinster Schärfe, so dass man die bedrückende Atmosphäre fast spürt. Arthur begibt sich dann vorsichtig auf Abwege. Ein Geschäft für Scherzartikel gerät zu einer Kombination aus Horror- und Erleuchtungserlebnis. Danach ist die Welt für ihn anders. Am folgenden Tag betritt er die Bank mit einem kleinen sichtbaren Zeichen des Protestes gegen die Eintönigkeit: Einer Clownsnase. In der Bank provoziert er damit einen Skandal. Das gleichermaßen kleinkarierte wie rigide Umfeld bringt er zur Verzweiflung. Er bekommt in seinem Job massive Schwierigkeiten, trifft aber auf Unterstützer und erhält dann in eine neue Orientierung. Die Menschen beginnen sich bald mit ihm zu identifizieren. Dieses Kippen hin zu hoher Aufmerksamkeit bereitet Arthur die nächsten Probleme. Dafür ist er auch nicht gemacht. Alexander Ludwig hat ein sprachlich feines und sorgfältig geschriebenes Buch verfasst. Mir, der ich lange in Banken gearbeitet habe, blieb beim Lesen das Lachen manchmal im Halse stecken, weil es so deutlich bestimmte Züge herausarbeitet und sowohl den Humor aber auch das tiefere Nachdenken bedient. Dass der langweilige, zwanghafte Protagonist in einer gesellschaftlichen Geschichte von der beruflichen Seite als Bank- oder Sparkassenangestellter dargestellt wird, ist kein Zufall. Aber Ludwig schafft es, das Milieu, die aktuelle Gesellschaftshektik und den Bedarf hervorragend auszuleuchten. Und es trifft nicht nur auf den Menschen in der kleinen Filiale zu. Die angeblich so hoch qualifizierten und in ihrer Entlohnung unerreichte Investmentbanker stehen dem in ihrer Unbezogenheit auf das Leben in seiner Gänze in Nichts nach. Das Regiment der Unbezogenheit auf das Menschliche ist einer der Gründe für die aktuelle Situation der Wirtschaft. Die Finanzindustrie hat mit ihrer absurden Welt die mentale Führerschaft errungen. Auch darüber lässt das Buch nachdenken. Arthur ist ein zwiespältiges Modell, einerseits ein Relikt der Vorhektikzeit, andererseits der perfekt konditionierte reduzierte Mensch, dem dann der Entwurf der Selbstbefreiung plötzlich widerfährt. Ludwig, Alexander: Die seltsame Wandlung des Arthur Hoffmann, Roßdorf: Verlag Gebrüder Kornmayer, 2010. Add Comment Es mangelt in Unternehmen an Orientierung. Ambitionierte Wachstumszahlen können dies nicht ersetzen. Den Menschen fehlt der mittel- und langfristige Zusammenhang. Wofür sind eine Anstrengung und ein momentanes Resultat eigentlich langfristig gut? Welchen Wert hat es? Die Verkürzung der Sinnhaftigkeit auf ein bloßes Zahlenerreichen wie auf ein quasi kurzfristiges Sportresultat, das schon morgen keine Bedeutung mehr hat, als dass es ein kurzfristiger Beweis von Leistungsfähigkeit der Vergangenheit war, ist zuwenig. Unternehmens- und Arbeitsleben muss wieder mehr Sinn stiften. Auch das kurzfristige sich selbst zeigen Können, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern ermöglichen, ist keine langfristige Sinnschaffung. Der spektakuläre Powerpointauftritt ist schnell wieder vergessen. Ein Unternehmen muss einem Mitglied gegenüber ein Lebensabschnittsgefährte sein. Dies bedeutet, es muss für den Mitarbeiter ein Beziehungsangebot wie in einer Liebes- oder Freundschaftsbeziehung sein. Ich wähle bewusst diese Beziehungsformen und nicht den Terminus Geschäftsbeziehung, damit das Rationale in den Hintergrund tritt. Denn es spielt nicht die entscheidende Rolle. Es ist wie im Übrigen bei anderen so genannten geschäftlichen Entscheidungen, etwa Investitionen. Die rationale Ebene ist oft nur ein durch die emotionale und intuitive Ebene sehr getönter nebenher laufender oder gar nachträglicher Erklärungs- und Legitimationsversuch. Dies ist ähnlich wie in der Hirnforschung. Ein Gedanke ist nach dem Libet-Experiment eine geraume Zeit im Gehirn vorher messbar, bevor er ins Bewusstsein kommt. Für alle Vertreter der rationalen Entscheidungstheorie ein harter Tobak. Also Unternehmen müssen als emotionaler Beziehungspartner interessant sein. Ein Beispiel ist die Frage: Möchte ich mich mit diesem Unternehmen in der Öffentlichkeit in einer Liaison zeigen? Oft sieht es genau anders aus. Mitarbeiter trauen sich im Bekanntenkreis nicht mit ihrem Unternehmen in Verbindung gebracht zu werden, weil sie dann sofort auf Skandale oder Pannen angesprochen werden und vermeintlich dafür gerade stehen müssen. "Ich gehe da nur hin, weil ich muss und keine andere Wahl habe. Du weißt ja, Haus bezahlen, der Nachwuchs und der Urlaub." Diese Mitarbeiter reagieren ähnlich wie Kinder, deren Eltern deliquent, abhängigkeitskrank oder sonst wie nicht mehr lebenstüchtig werden und bei denen so ihre Fürsorge weg bricht. Wem dieser Vergleich zu drastisch ist, der sollte sich die Zahlen zur Identifikation von Mitarbeitern mit ihren Unternehmen heute einmal anschauen. So ergab eine Studie zum durchschnittlichen Engagement der Mitarbeiter in deutschen Unternehmen: „Mitreißer“ (hoch engagiert): 17 % „Mitmacher“ (engagiert): 47 % „Zaungäste“ (gering engagiert): 28 % „Schon weg“: 8 % (Towers Perrin Studie 2007) Also da ist einiges zu tun! Unternehmen brauchen wieder emotionale Beziehungsangebote, die die Bedürfnisse der Menschen ansprechen. Die demographische Entwicklung, dass langsam die Partner auf der Mitarbeiterseite knapp werden, werden das beflügeln. Finanzkrise, Atomkrise und Damokles-Skript 03/25/2011
Finanzkrise und Atomkrise haben etwas gemeinsam. Sie fußen auf Denkmodellen, die in einer bestimmten Weise mit Risiken umgehen. Wie wahrscheinlich ist das Eintreten eines bestimmten Ereignisses? Welche Situationen müssen zusammenkommen, damit etwas Bestimmtes geschieht? Risikomanagementsysteme versuchen das zu erfassen. Dabei ist die Grundlage die Einschätzung der Wahrscheinlichkeiten aus Zeiträumen der Vergangenheit. Was ist schon einmal passiert? Wie oft war das? Hinzu kommt eine grundlegend multiplikative Verknüpfung der Wahrscheinlichkeiten bei als unabhängig angenommenen Ereignissen. Beim Lottospielen ergibt sich für den maximalen Gewinn eine Wahrscheinlichkeit von etwa 1 zu 14 Millionen. Ein solches Ereignis gibt es für den einzelnen eigentlich gar nicht. Aber dennoch scheint es viele Leute anzusprechen. In Finanzkonstruktionen und technischen Konstruktionen wie der Atomkraft ergibt das Denkmodell sogenannte Restrisiken, die man vernachlässigen kann. Psychoanalytisch gesprochen findet eine Abspaltung dieser Wahrnehmung statt, ein interessanter Begriff im Zusammenhang mit Atomkraft. Landläufig würde man eher von Ausblendung oder Abwertung des Wissens sprechen. Dies führt zu dem, was der Transaktionsanalytiker Berne mit Damokles-Skript bezeichnet hat. Man weiß, dass man arg bedroht ist, tut aber so, als könne man es ignorieren. Aber irgendwann erwischt es einen. Wie ich in „Wirtschaftskrise und neue Orientierung“ (Berlin: ProBusiness 2009) dargestellt habe, steht aber anderes an. Es geht um Substanz und Anerkennung der Realität, nicht um schnelle und einfache Profite, die man sich teuer mit späteren Risiken erkauft. Damokles sollte nicht der implizite Leader der Wirtschaftspolitik sein. (Kommentar zu „Die Ankunft des schwarzen Schwans“ von Gabor Steingart, http://www.handelsblatt.com/panorama/aus-aller-welt/die-ankunft-des-schwarzen-schwans/3962600.html?p3962600=all) Wirtschaft am seidenen Faden 01/10/2011
Timothy Geitner, der amerikanische Finanzminister, hat gestern vor einem Staatsbankrott der USA gewarnt. Die in dieser Woche aufgelegte portugiesische Staatsanleihe muss darum bibbern, Käufer zu finden. Vielleicht tritt die EZB ja als Käufer ein. Aber war das nicht Gelddrucken, wie es Helmut Schmidt deutete? König Albert II. hat sich zur wirtschaftlichen Lage seines Landes Belgien in einer Ansprache nicht sehr optimistisch geäußert. Die armen Belgier haben seit April keine Regierung mehr, aber die EU-Ratspräsidentschaft gut hingelegt. Respekt, aber man fragt sich, wie das geht. Und „der deutsche Patient“, wie es lange in Europa über die größte Volkswirtschaft der EU hieß, nimmt gerade einen anderen Verlauf. Er wirtschaftwundert wieder einmal. 3,5 Prozent Wachstum nach 5 % Rezession. Meine Tochter lernt gerade für das Abitur im Fach "Politik und Wirtschaft" die Konjunkturzyklen. Ich kann ihr die vier Konjunkturzyklen Aufschwung – Boom – Abschwung – Konjunkturschwäche kaum mehr am Beispiel erklären. Schauen wir einmal genau hin, woran der deutsche Aufschwung 2010 hing, an welchem Faden. Es sind sechs Faktoren:
Insgesamt sind 1-2 recht honorige Verhaltensweisen. Nr. 3 ist äußerst riskant, denn von der Hoffnung getrieben, dass die Exporte, die teilweise über Jahre finanziert werden, auch bezahlt werden. Nr. 4 ist etwas, das bei einer Pleite einzelner Euroländer sehr teuer ausgeglichen wird. Nr. 5 lassen wir jeden einzelnen aus seinem Erleben begutachten. Nr. 6 wirkt wie ein Taschenspielertrick. Insgesamt bleibt die Nervosität. Wirkliche substantielle Reformen sind trotz zur Schau getragener Empörung bisher nicht realisiert. Es bleibt weiter spannend. Lit.: Mohr, G. Wirtschaftskrise und neue Orientierung, Von angst und Gier zu Substanz und Anerkennung, Berlin: ProBusiness 2009. Der Zahlengeist und die Tabellenindustrie 12/07/2010
Zurzeit geistern wieder schlechte Tabellenplätze durch die gesellschaftliche und wirtschaftliche Diskussion. Erschreckende Ergebnisse! In der IT-Wirtschaft ist Deutschland nur auf Platz sieben in der Welt. Bei Pisa haben wir nur einen Mittelplatz. Was soll bloß werden aus uns in der globalen Konkurrenz? Finnland, Korea und Kanada laufen uns den Rang ab. Aber war da nicht gestern davon die Rede, dass Deutschland zurzeit die Wirtschaftslokomotive ist. Ganz so blöd und ganz so untechnisch kann das Land ja demnach nicht sein. Und noch ein wahrer Lichtblick: Beim internationalen Fußball haben wir jetzt mehr Punkte als Italien, das lange vor uns lag. Da wären wir auch schon beim Hintergrund der vielen schönen Einstufungen angekommen. Die Welt ist so komplex geworden. Tausend Wahlmöglichkeiten, Vielfalt, Verästelungen. Im Sport dagegen zeigt man über Tabellen so schön eine eindimensionale Rangfolge. Die Wahrheit liegt auf dem Platz, wie man beim Fußball so schön sagt und dann in der Tabelle. Das Prinzip hat sich auf alle Lebensbereiche ausgedehnt. Rankinglisten der Mitarbeiter in Firmen, Einschaltquoten von Fernsehsendern, Qualitätslisten von Produkten, Politiker- und Parteieneinstufungen, Tabellen, Tabellen, Tabellen. Das Leben ist kein Quiz, wie Hape Kerkeling vor Jahren behauptete, es ist ein Tabellenplatz. Menschen scheinen das zu mögen und Zahlen lügen ja nicht. Wen kümmern da die Kriterien, die zum schönen eindimensionalen Ergebnis führen. Diese Ebene ist dann meist doch etwas kompliziert und könnte sehr schnell auch zu einem ganz anderen Ergebnis führen. Mittlerweile existiert eine regelrechte Tabellenindustrie. Alles wird erfasst und in Rangfolge gebracht. Obwohl jahrelang der Bürokratie der Kampf angesagt wurde, hat das Dokumentieren und Quantifizieren allen Tuns vor allem in Wirtschaft, Verwaltung, Gesundheits- und Sozialsektor heute einen früher ungeahnten Anteil an der Arbeit erlangt. Was soll man denn mit den schönen Datenmengen machen, wenn man da keine Tabellen daraus erstellt? Außerdem hat man eine sichere Grundlage, Emotionen bei den Beobachtern auszulösen. Sich in einer sozialen Rangfolge irgendwo wieder finden, ist bei allen Primaten ein wichtiges Lebensthema. Schätzungen zufolge wenden unsere nächsten Verwandten im Tierreich 80 % ihrer Intelligenz als soziale Intelligenz auf: Wer ist wo eingeordnet? Wer darf wen graulen und lausen? Wer kommt wann an die Futtergrippe? Und jetzt wissen wir es wieder: Das koreanische Kind kann im Durchschnitt besser lesen als unseres. Der finnische Bub rechnet gleichzeitig unserem etwas vor. Wo soll das hinführen? Und in der EDV weltweit nur Platz sieben, vielleicht ist das schon Abstiegszone. Das wird übel enden, wenn wir nicht sofort alle Ressourcen in den jeweiligen Bereich werfen und vor allem dort die Konkurrenz entfachen, damit die Leute fleißiger werden. Dies können wir am besten durch eine veröffentlichte Rankingliste über die Menschen. Wenn wir schon im Kindergarten anfangen würden und die Kleinen bezüglich bestimmter Leistungen öffentlich in Listen darstellen, ……. Literatur: Mohr, G. (2009): Wirtschaftskrise und neue Orientierung, von Angst und Gier zu Substanz und Anerkennung, Berlin: ProBusiness. Gott, Geld und Gewissen 10/12/2010
Der Benediktinerpater Anselm Grün und der Puma-Vorstandsvorsitzende Jochen Zeitz tauschen in einem neuen Buch ihre Meinungen über Gott und die Welt aus. Die wechselseitig ergänzten Positionen der beiden sind in zwölf Kapitel gegliedert, die von Nachhaltigkeit, über Wirtschaft, Wohlstand, Ethik bis hin zu Bewusstsein reichen. Das Buch hat zwei große Verdienste. Es enthält eine ganze Reihe von vereinzelten guten Einzelbemerkungen. Und es hat mich zu einer deutlichen Bezugnahme zum geäußerten Gesamtstandpunkt veranlasst. Zunächst zu den interessanten Einzelbemerkungen: „Wenn die Religion ihre Kraft verliert, dann gewinnen rein weltliche Bereiche eine religiöse Dimension“ (Grün, S. 21). Die Wirtschaftswelt suggeriere Glück durch äußere Dinge wie Produkte (S. 44). Dieser Position Grüns kann man in Bezug auf die quasi religiöse Rolle, die Materielles und Macht bei manchen Menschen angenommen haben, heute sehr zustimmen. Etwas verwunderlich und merkwürdig nach dem alten Hochmut der katholischen Lehre klingt Grüns Formulierung: „Wir erkennen ebenso an, dass auch die anderen Religionen für viele Menschen eine heilsamen halt bieten und eine gute Anweisung sind, wie das Leben gelingen kann. (S. 45). Pater Anselm lässt sich trotz seiner bekannte Vorsicht in katholischen Dingen aber auch zu der Aussage hinreißen, dass „das Christentum in den letzten dreihundert Jahren vor lauter Rationalität die Verbindung zur Natur vernachlässigt hat“ (S.42). Der Dialog insbesondere mit dem Buddhismus war es seiner Auffassung nach, „um in die mystische Strömung und die Verbindung zur Natur neu zu entdecken“ (ebenda). Die Autoren postulieren Wirtschaft und Religion als komplementär, obwohl gerade die Wirtschaftswerbung den Zusammenhang zwischen Materiellem und Glück laufend herzustellen versucht. Zeitz bemerkt dann aus der Perspektive der Untenehmen, dass Programme wie Corporate Social Responsibility (CSR), womit Firmen ihre Verantwortung für die Gesellschaft klar machen wollen, „tiefgreifend, aufrichtig und integrativ“ sein müssen, Er moniert mit Recht, sie blieben sonst wirkungslose Schubladenprogramme. In Sachen Wohlstand muss man über den quantitativen Ansatz hinausgehen. Wieder etwas Wahres: Viele ständig ihre Mitarbeiter motivierende Führungskräfte glauben nicht an deren eigene Kraft. Zeitz bemerkt, dass bei Puma jeglicher gebrauch von Kriegsvokabular und Kriegssymbolen verbannt werden. (S. 113). Arbeit müsse nicht immer effizienter werden, schließlich kann man die falschen Dinge auch effizienter falsch machen. (S. 162). Der amerikanische Naturphilosoph des 19. Jahrhundert Henry Thoreau wird als Pate genommen für Vereinfachung der Komplexität genommen. Man muss dazu wissen, dass Thoreau allein in einer Hütte im Wald lebte, ein gewisser Gegensatz zum Fünfsternehotel, zur Luxuskarosse, zum Ersteklasseflieger und zu den vielen Pagen, mit denen sich Manager heute umgeben, um in der Komplexität der Welt wenigstens Komfort zu erleben. Zu Stärken und Schwächen vermerkt Grün: Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark (2 Korinther 12,10). Er plädiert dafür, zu Schwächen und Grenzen zu stehen. Dies ist nicht neu, aber in der heutigen Wirtschaftswelt entweder illusionär oder blauäugig. Nun zur näheren Betrachtung der Grundpositionen: Bemerkungen wie „Religion und Wirtschaft sind wohl die größten Gestaltungskräfte für eine Gesellschaft“ (Grün, S. 20) sind schon sehr eingeschränkte Positionen. Sie zeigen eine auf den primären Erfahrungshintergrund der Autoren verständliche, aber eingegrenzte Fokussierung der Autoren an. Es gibt auch noch Politik als wesentliches Teilsystem der Gesellschaft in Kommunen, Ländern, Staaten, auf EU- oder sogar Weltebene. Es gibt noch die säkulare Bürgergesellschaft jenseits von Wirtschaft und Religion. Gerade die Finanz- und Wirtschaftskrise hat gezeigt, dass die Wirtschaft ganz deutlich durch den Staat stabilisiert und in dem Falle sogar extrem gerettet werden musste. Ohne die Staats- und Zentralbankinterventionen hätte es einen Kollaps gegeben. Zeitz sieht das natürlich als Versagen einzelner an, „die dieses System ausschließlich zu ihrem persönlichen Vorteil missbrauchten“ (S. 46). Die meisten unabhängigen Wissenschaftler sehen heute im Gegensatz zu den Interessenvertretern, zu den ein Unternehmensvorstand vielleicht auch gehören muss, durchaus ein systemisches Problem. Insgesamt zieht sich insbesondere bei Zeitz als Grundposition die der heilen Wirtschaftswelt mit einigen schwarzen Schafen durch. Ständig fordert er, etwa mehr Betonung von Umweltaspekten und Nachhaltigkeitsdenken. Aber von systemischen Zusammenhängen in der Wirtschaftsweise ist kein Laut zu hören. Andere werden schon kritisiert, etwa die Firma Enron, der designierte Bösewicht der Wirtschaftswelt, oder auch die gierigen Banker. Die Wirtschaftsweise ist aber nicht zu verändern und weiter zu entwickeln, sondern nur die schwarzen Schafe oder die es noch nicht begriffen haben, sind in irgendeiner Weise anzugehen. Wie, dazu kommt nur der moralische Appell. Auch die altbekannte deutsche Schonposition, dass auf internationalrer Ebene keine Mindeststandards in Regulierungsdingen in allen möglichen Fragen aber Arbeitssicherheit, Umwelt, etc. zu erreichen seien, wird betont. Davon, dass es auch Vorreiter braucht und konkrete Maßnahmen nötig sind, sind beide weit entfernt. Ein zweiter zentraler Punkt ist: Hier befinden sich zwei Gutmenschen im Dialog. Die dauernden Dialoge von Wirtschaft zu Kloster und Kloster zu Wirtschaft nach dem Motto "das ist bei uns im Prinzip genauso" werden mit der Zeit doch etwas langatmig. Man braucht als Leser schon Ausdauer, um die vereinzelten interessanten Erkenntnisse aufzuspüren. Wer auf der Suche nach real existierenden Paradiesen ist, hat nun zwei Angebote: die Firma Puma und das Kloster von Pater Anselm. Dort wird über alles reflektiert und optimal gottgefällig gelebt. Immer wieder bleibt es leider auf der deutenden Oberfläche. Man würde mal gerne etwas über die tatsächlichen praktischen Erfahrungen etwa bei Puma lesen. Dass im Kloster jeder arbeitsmäßig einen Platz finden kann, liest man gerne. Es ist aber auch plausibel. Zum Thema Beschäftigung hätte man vom Kollegen Zeitz auch gerne etwas gehört. Insgesamt fehlt dadurch Tiefe und es fehlen echte Standpunkte. Das nicht dies und nicht das, sondern immer in der Mitte bleiben. Ein Beispiel dazu: Es reicht nicht zu sagen: Wir müssen wissen, was wir mit der Atomkraft machen. Reicht denn kognitives Wissen, wenn wir im Moment radioaktiven Müll produzieren, der bestimmte Erdareale für lange Zeit mit verseuchtem Material anfüllt. Also doch etwas kurz gedacht in vielen Statements. Und es gibt noch etwas, das fehlt: Wenn zwei Deutsche gescheit über Moral reden, sich ausdrücklich auf Konzepte wie das kollektive Unbewusste und den Schattenbereich des Menschen (letztere beiden sind Konzepte von C.G. Jung) berufen, würde ich erwarten, dass das mal konkretisiert wird. Denn die Deutschen konnten in ihrer jüngeren Geschichte auch verhaltensmäßig sehr tief in den Schatten einsteigen. Was bedeutet diese Erfahrung gerade für unser Handeln heute. Während viele andere Völker dies immer noch verdrängen können und so wunderbar die Länder in Schurken und Gute einteilen können, wäre hier mehr möglich. Aber dann müsste man konkrete Standpunkte einnehmen, etwa zur Atomkraft oder auch zum Krieg. Leider bleibt das Buch hier mit sehr vielen Appellen an allgemeine Begriffe wie Verantwortung und Gewissen. Konkret wird man allerdings nicht. Beide, Zeitz und Grün, wirken da sehr gehemmt und scheinen die Appelle eher an andere zu richten. Dies kann man über die Rolle als Vorstand eines Unternehmens erklären oder über die Position des viel publizierenden Kirchenmannes, der ja mit einem Auge immer nach Rom schielen muss. Also bitte keine Standpunkte. Ein insgesamt interessantes Buch, weil es die Begrenztheiten der wirtschaftlichen und der religiösen Perspektive deutlich aufzeigt. Mindestens Psychologie und humanistisch-säkulare Politik müssen hinzukommen, vielleicht noch andere Teilsysteme wie Politik, Bürgergesellschaft, Schriftsteller oder Künstler, aber Grün und Zeitz beschränken sich auf vertraute Standpunkte von Wirtschaft und Kirche. Literatur: Grün, Anselm und Zeitz, Jochen: Gott, Geld und Gewissen, Münsterschwarzach: Vier-Türme-Verlag 2010. Mohr, G.: Wirtschaftskrise und neue Orientierung, ProBusiness 2009. Wie kommen eigentlich Löhne und Vergütungen zustande? Sie sind ein Ergebnis des Marktes, von Angebot und Nachfrage. Das hört sich schön an, sagt aber nichts aus, da die Frage ja nach dem "Angebot wovon" und der "Nachfrage wozu" zu stellen ist. Der arme Vorstand einer der verstaatlichen Banken, der durch 19 Monate Arbeit einen Pensionsanspruch von über 19.000 Euro erwarb, zeigt die Möglichkeiten. Warum bekommen eigentlich Bankvorstände und die zweite Ebene in Banken so hohe Vergütungen? Wir müssen uns zuerst fragen, was da nachgefragt bzw. angeboten wird. Zunächst gibt es ein wenig Formales. Man wird in den meisten Ländern nur Bankvorstand, wenn man ganz bestimmte Stufen des Bankerlebens wie die Kreditseite oder die Anlageseite auch schon einmal wahrgenommen hat. Dann kommt aber das Entscheidende. Das eigentliche „asset“ des Bankvorstandes ist die Bereitschaft, sich für eine Funktion herzugeben, in der man Entscheidungen ohne wirkliche Informationsgrundlage fällt, weil man systemische Risiken lange nicht sehen wollte und nun n icht mehr zu sehen braucht, weil die Staaten dies übernommen haben. Der einzelne Bankvorstand begibt sich in eine virtuelle Welt von Risikozahlen, die komplexe finanzmathematische Programme und so genannte Expertisen (Ratings) anderer zustande gebracht haben. Innerhalb dieses Systems wird Sicherheit suggeriert und auf deren Grundlage werden Entscheidungen gefällt. Die Topmanager der Banken bekommen dafür eine Chancenprämie, ähnlich wie ein Fußballtrainer eine Risikoprämie erhält, wenn er auch aufgrund von irgendwelchen Ereignissen, die oft nichts mit seiner Arbeit zu tun haben, seinen Job verliert. Allerdings ist das Risiko für Bankvorstände und für die Führungskräfte der zweiten Ebene bisher gering. Dies unterscheidet ihre gravierenden Gestaltungsinterventionen in die Wirtschaft hinein von unternehmerisch tätigen Menschen. Darin erklärt sich im übrigen auch die Attraktivität der Bankertätigkeit gegenüber anderen, etwa technischen Berufsfeldern. Aus der dienenden Rolle der Finanzindustrie für die Realwirtschaft wurde ein umgekehrtes Verhältnis. Viele Bankvorstände überblicken in der Regel offensichtlich nicht mehr, was sie verursachen. Ihr Tun beruht auf Hoffen und Glauben, eigentlich guter katholischer Werte. Aber passen die hier oder sind sie ausreichend? Die Renditen, die in den letzten Jahren von den trendgebenden Instituten vorgegeben wurden, sind mit dem Grundgeschäft des Einnehmens und Verleihens von Geld nicht zu erreichen. Da muss man sich schon Dinge einfallen lassen, die jenseits bisheriger Möglichkeiten liegen. Eine Idee ist, ständig auf Zusammenschlüsse und Übernahmen von Firmen hinzuwirken und daran zu verdienen. Dabei sind entsprechende Provisionen drin, die in der Regel aus den verlorenen Arbeitsplätzen der Fusions- und Übernahmepartner bezahlt werden. Das dabei vielfach gute Unternehmensstrukturen zerstört werden, interessiert nicht. Vielleicht wäre hier über Artenschutz nachzudenken. Die Chancenprämie unterstützt das Eingehen der Geschäfte. Eine andere, fast als Trick zu bezeichnende Geschäftsidee, ist mittels Krediten zeitweisen Wohlstand zu erfinden. Wie Herbert Hoover Anfang des 20. Jahrhunderts für Amerika visionierte “Ein Huhn in jeden Topf, ein Auto in jede Garage“, schafft man für die unten in der Gesellschaft auschließlich Wohlstand, solange bestimmte Eliten ihren Über-Wohlstand nicht umverteilen wollen, wenn man dies über Kredite finanziert, wie in Amerika im großen Stile geschehen. Allerdings findet sich nur ein Gläubiger, wenn der Kredit solide aussehend gemacht wird. Dies erreicht man durch die Vermischung von Krediten, deren Verbriefung und gute Benotung (Ratings). Insbesondere deutsche Staats- und Landesbanker griffen dann gerne zu. Wer wollte da schon Spielverderber und eine Risiko-Memme sein, wenn man am großen Spiel teilnehmen darf. Für diese Bereitschaften gibt es die Chancenprämie. Die staatliche, letztlich auch sehr wesentlich kreditfinanzierte Sozialpolitik funktioniert im Übrigen nach einem ähnlichen Chancen-Risiko-Muster - Chancen jetzt, Risiken blenden wir aus. Hoffentlich geht das gut. Zwar verdienen Politiker finanziell entsprechend viel zu wenig. Aber vielleicht ist ihre Chancenprämie das Rampenlicht. Es geht bei den Bankervergütungen also nicht um Arbeit oder Fachkenntnisse, sondern um die Bereitschaft, in ein Spiel mit hoher Chance einzutreten. Lange konnte man den Spielcharakter sogar verdrängen, weil alle zusammen in manischer Weise etwas hochgejubelt hatten und fast das Gefühl bekamen, es ist Realität, was sie mit den virtuellen Zahlen machen. Im Moment ist alles anders. Die Bankindustrie ist mit der anderen Seite der Chance, ihrem Risiko im Prinzip verstaatlicht. Deshalb fühlen sich alle Bankvorstände im Moment auch behaglich. Man kann in einer europäischen Bank zurzeit keinen Fehler machen, weil es im Prinzip kein Risiko gibt. Wenn man die billige Liquidität der EZB abfragt und diese einigermaßen anlegt, hat man einen quasi garantierten Gewinn. Über 1000 europäische Banken haben dies wahrgenommen. Eine ganze Branche ist am Staatstropf. Und den Entscheidern in den Banken wird das unangenehme Gefühl erspart, Fehler machen zu können. Als Helmut Schmidt gefragt wurde, wo denn das Geld herkomme, sagte er mit tiefer und langsamer Stimme "Es wird gedruckt." Dies ist auch der Grund dafür, warum die Krise nicht als Lernchance genutzt wird. Gefühlsmäßig besteht keine Notwendigkeit dazu. Die Vergütungen könnten nun sinken. Im Moment ist man nur noch in der alten Gewohnheit gefangen. Denn wer verliert schon gerne einen einmal erreichten Status (Besitztumseffekt in der Psychologie). Dazu gehört auch die Idee, dass in den hierarchischen Bankorganisationen erst die kleinen Mitarbeiter bluten sollen. Einen Vorstand braucht man immer, aber ob man noch so viele Kundenberater braucht, wenn das Investmentbanking, die künstlichen Kreditkonstruktionen und das Wertpapiergeschäft zurückgehen. Was passieren wird, ist dass man zunächst "unten" spart bei den einfachen Arbeitsplätzen. Denn Kosten sparen kann man doch auch als Managementaufgabe durchgehen lassen. Und das rechtfertigt wieder entsprechende Entlohnung. Weiterführendes: 1) Mohr, G. (2000): Lebendige Unternehmen führen, Frankfurt: FAZ-Buchverlag. 2) Mohr, G. (2006): Systemische Organisationsanalyse, Grundlagen und Dynamiken der Organisationsentwicklung, Bergisch-Gladbach: Edition Humanistische Psychologie. 3) Mohr, G. (2009): Wirtschaftskrise und neue Orientuierung, Von Angst und Gier zu Substanz und Anerkennung, Berlin: ProBuisness 2009. Islamic Banking 01/09/2010
Islamic Banking Zum Buch von Ashrati, M.; Islamic Banking, Wertvorstellungen-Finanzprodukte-Potenziale, Frankfurt: Frankfurt School Verlag 2008. Der Autor Mustafa Ashrati beschreibt in „Islamic Banking“ zunächst die Grundlagen, die Quellen, die Gesetze in der Sharia sowie die fünf Säulen des Islam. Dann steht das Thema Zinsen im Vordergrund. Anknüpfend an die Zinskritik auch außerhalb des Islams wird der Aspekt des Zinsverbotes im Islam dann für die Praxis von Kunden, die der islamischen Religion angehören, in seiner konkreten Lösungsgestaltung betrachtet. Ashrati stellt dazu typische Kredit- und Anlageprodukte im Islamic Banking vor. Weiterhin werden zwei Beispiele für mögliche konkrete Möglichkeiten von Islamic Banking in Westeuropa vorgestellt. Dies beschreibt er bezüglich der Islamic Bank of Britain und der Frankfurter Sparkasse. Anhand der Frankfurter Sparkasse wird auch die Zielgruppe für ein Islamic Banking näher beleuchtet und in konkrete Vorschläge umgesetzt, wie eine deutsche Sparkasse beispielsweise in diesem Markt aktiv sein könnte. Frankfurt bietet sich als internationale Stadt exemplarisch hier sicher sehr gut an. Insgesamt handelt es sich hier um eine interessante und informative Studie über diesen häufig wenig beleuchteten Aspekt bankwirtschaftlichen Handelns in unserer heutigen Gesellschaft. Die globalen Migrationsbewegungen und die Globalisierung der Wirtschaft lassen die Beschäftigung damit aber sehr erforderlich erscheinen. |