Moderationskunst

Es lohnt sich einmal den Heiner Geißler, den Schlichter von Stuttgart 21 in seinen Moderationsinterventionen zu beobachten. Er, der ehemals scharfe CDU-Generalsekretär – ich will das Brandt-Zitat hier nicht wiederholen - und mittlerweile auch Attac-Mitglied führt eine Moderation, die auf der einen Seite CDU und Wirtschaft, auf der anderen Seite Bürgerinitiativen und die Grünen zusammen führt. Gab es nicht noch andere Parteien und Interessenvertreter?

 Er will tatsächlich einen Schlichterspruch bringen. Da sind wir  aber gespannt.

Sein Stil ist bemerkenswert: Er belehrt die Leute sich verständlich auszudrücken, faselt aber von Zeit zu Zeit Latein, um seine Bildung ins Spiel zu bringen. Warum machen da alle mit?

 Der Ingenieur und Bahnvorstand Kefer ist wirklich gut in seiner Argumentation, der Tübinger Bürgermeister und Grüne Palmer ebenso. Sie stehlen den anderen die Schau.  

Mal sehen, was am Dienstag an Schlichtung herauskommt.

Mein Tipp: S 21 ja, aber anders, teurer und ein bisschen Ökologie an der Oberfläche.




 
 
Ronald Reng (2010): Robert Enke – ein allzu kurzes Leben, München-Zürich: Piper. 
Aus der Perspektive des Psychologen, Volkswirts und Fußballfans gelesen, ist das biographische Buch über Robert Enke sehr interessant. Die Darstellung von Ronald Reng gibt viele Einblicke in das Leben und Leiden des Fußballers und Privatmannes Robert Enke sowie der Menschen und des System um ihn herum. Mit einem außergewöhnlichen körperlichen Talent begabt, tritt er in die Welt des Profifußballs mit ihren besonderen, oft archaischen Geflogenheiten ein. Gleichzeitig unterstützt seine persönliche Struktur dies nicht, da er eine hohe Sensibilität Bewertungen von anderen und vor allem eigenen gegenüber empfindet. Zudem wird er auch als im Kontakt deutlich anders als seine Kollegen beschrieben. So beteiligt er sich an den Jungmännerritualen und -spielen in denn Mannschaften wenig, macht eher sein eigenes Ding. Sobald Druck durch Konkurrenz aufkam, wurde es für ihn schwierig. Wenn dann noch eine als ungerecht empfundene Degradierung dazu kam, beschäftigte ihn das sehr. Er trainierte dann hart und war ein Vorbild an professioneller Leistungseinstellung, aber es nagte innerlich sehr stark an ihm, so dass er seinen Trainingserfolg oft kaum bemerken konnte bis hin zu nicht mehr an der Realität orientierten Eigenkörperwahrnehmungen in hochgradig depressiven Phasen, wenn er etwa seine Muskeln schwinden sah.  

Im Grunde bekleidete er aber lange Zeiten die Position des Ersatztorwarts. Er wurde, so liest es sich im Buch von Reng zwar oft in eine vielversprechende Nummer eins Position verpflichtet, fand sich aber dann im Konkurrenzkampf mit anderen wieder. Er drängte sich im Konkurrenzkampf nicht nach vorne, sondern kam aus der zweiten Reihe beim Ausfall des ersten zum Einsatz. Dann galt es: Im Rampenlicht stehen, keine Fehler machen dürfen. Klar, Torwartfehler sind sofort relevant. Die objektive Folgewirkung ist gravierender als beim Mittelfeldspieler. Wenn der Einsatz überraschend eintrat, war es meist kein Problem. Bei entsprechender Vorbereitungs- und Vordenkzeit wurde es problematisch.

Insgesamt beschreibt der Autor die Depression als etwas Rätselhaftes, die eventuell Auslöser hat, aber doch eher wie eine Infektion über jemanden kommt. Traumatische Erlebnisse im Erwachsenenalter werden benannt. So wird auch ein unglücklich verlaufendes Spiel in seiner Zeit in Barcelona gegen einen Drittligisten quasi als traumatische Situation dargestellt. Als eine zweite solche Situation wird sein Aufenthalt bei Fenerbace Istanbul dargestellt. Dass es über die Zusammenhänge und die Entstehung von Depression auch andere Auffassungen gibt wie etwa, dass eine bestimmte sensible Persönlichkeitsstruktur zugrunde liegt, bleibt unberücksichtigt. Die tiefe Angststörung mit der Folge depressiver Episoden macht Sinn auf dem Hintergrund eines messerscharfen, direkten Nebeneinanderliegens von Erfolg und vermeintlichem Gesamtversagen. Die Idee „Wenn ich als Fußballtorwart nicht fehlerfrei bin, bin ich gar nichts mehr“ scheint den Menschen Enke beherrscht zu haben, ebenso wie die Nachhaltigkeit des Erlebens von negativen Bewertungen und Fehlern. Ein ausgeprägter innerer Perfektionismus, begleitet von einem hohen Angstfaktor deutet sich an.

Was eher nebenbei erwähnt wird, sind Enkes Fähigkeiten mit wirklich schweren Lebenssituationen umzugehen. Gerade das Umgehen mit den schwierigen Situationen in seinem Umfeld wie mit der schweren Krankheit seiner Tochter und auch das Sichbeziehen auf Behinderte zeigten, dass Enke gerade hier große Ressourcen hatte. Dies ist für Menschen, die in bestimmter Weise sensibel sind, gar nicht selten. Sie kommen zu ihren Fähigkeiten, wenn tatsächlich schwerwiegende Herausforderungen des Lebens vorliegen. Und hier entsteht ein Widerspruch. Denn zu den wirklich wichtigen Lebenssituationen gehört ein Fußballspiel nicht wirklich, selbst wenn viele Menschen dies mögen, dem zuschauen oder dadurch viele Emotionen entwickeln und ungeheuer viel Geld damit gemacht wird. Selbst als Fußballfan muss man letztlich ein räumen, dass die Welt selbst ohne Profifußball existieren könnte.

Hinzu kommt bei Robert Enke eine ständige Unsicherheitsdynamik, die mit der permanenten Idee zu einem noch besseren, anspruchsvolleren Verein zu müssen, einherging. Die guten, erquicklichen Fußballzeiten wie in Lissabon oder in Teneriffa werden schnell abgelöst. Wer war eigentlich für dieses ständige Produzieren der Unsicherheit in neuen Herausforderungen verantwortlich, das System in dem ein Profifußballer steht oder er selbst, der kein eigenes Bewusstsein hatte, was für ihn wirklich gut und passend war? Das immer wieder aktive Weggehen aus den Situationen, in denen er sich eigentlich wohl gefühlt hat, ist wohl nicht unabhängig vom System Profifußball mit entsprechenden Vereinsstrukturen, Spielerberatern und Medien zu sehen. Zumindest hat ihm das keiner ausgeredet. Denn das, was ihm als Mensch eigentlich gut tat, an einem Ort mit einer überschaubaren Herausforderung zu bleiben und sich gleichzeitig mit anderen wichtigen Themen des Lebens zu widmen, war im nach dem maximalen finanziellen Grenzertrag strebenden Profifussball nicht möglich. Die daraus für die Spieler folgenden physischen und psychischen Grenzbelastung sind der Preis.In manchen europäischen Ländern schien es sogar üblich zu sein den Spielern bei schlechten Leistungen einfach erst mal kein Gehalt mehr zu zahlen. Die erniedrigende Behandlung des Fußballgladiators in manchen Situationen ist nur bei sehr unsensiblem Emotionskostüm auszuhalten.

Er war durch sein inneres, ständig an der Grenze zum Unwohlsein strukturiertes Gemüt möglicherweise anfällig für Verlockungen des "Dort wird es Dir besser gehen". So ging er von Benfica Lissabon und vom CD Teneriffa weg, wo es ihm gut ging, war verlockt, sogar aus Hannover weg zu gehen. Dann sprang er auf den für ihn psychisch fatalen Zug der höheren Aufmerksamkeit in der Nationalmannschaft und des Weltmeisterschaftsanwärters auf. Keiner sagte ihm auf den Kopf zu, dass er ständig seine Grenzen überschritt. Die Maschinerie trieb ihn weiter.

Sätze wie „In seinem Körper schien es einen Bereich zu geben zu dem das
lächeln nicht vordrang“, als er an die tote Tochter dachte, richten des Lesers Aufmerksamkeit. Es ist nicht klar was der Autor eigentlich mit dieser Herausstellung bezweckt, da eine solche Reaktion einfach selbstverständlich ist und typisch bei der Erfahrung des Verlustes eines eigenen Kindes. Das ist überhaupt keine depressive Reaktion, sondern eine natürliche Trauerreaktion. Das Interessante ist ja eher, warum er dann immer noch beispielsweise in Hannover den Tanz um das Geld so mitmacht. Die merkwürdigen Sitten die das Fußballgeschäft von innen her prägen ihn schon.

Was zu kurz kommt, ist die Analyse dieses Gladiatorenhandelsaspektes. Die einseitige Identität als Fußballer und das Offensichtliche der Verrücktheiten dieses Systems, dass den Kampf und Konflikt, leichtere oder zivilere Formen des Krieges in symbolisierter Form in der Gesellschaft aufrechterhält, bestimmt meistens noch den Umgang im Profifußballgeschäft. Enke hat sich offensichtlich etwas anderes gewünscht, wurde aber dennoch immer wieder Opfer des Systems. Auch darin zeigt  sich keine Störung, sondern ein fortschrittlicher, aber vielleicht einsamer Kulturagent in diesem System. 

Antidepressiva sind hilfreich und heute gut entwickelt, so dass sie vielen Leuten Erleichterung verschaffen. Progressive Muskelentspannung als einwesentliches Mittel bei einer deutlichen depressiven Episode erscheint merkwürdig. Die verhaltenstherapeutischen Programme des Spielerberaters und der Ehefrau sind ebenfalls gut gemeint. Mit Psychopharmaka und Betreuungsprogramm hat man in den schweren Zeiten gehofft, sie überstehen zu können. Aber die Entwicklung der Persönlichkeitsstruktur, die – dem Autor sei es gedankt – auch deutlich wird, oder wirklich gesunder Umfeldbedingungen scheint eher dem Zufall überlassen worden sein. Hier liegt die Aufgabe eher in den guten Zeiten. Diese wurden vermutlich versäumt zu nutzen. Man dachte und hoffte: Fein, der Spuk ist vorbei. Hoffentlich kommt er nicht wieder. Das war möglicherweise zuwenig, wie man im Nachhinein annehmen kann. Wo war die professionelle Stimmen, die ihm gesagt hat: Das ist nicht Dein Platz, obwohl Du ein riesiges körperliches Talent dazu hast. Viele um ihn herum profitierten sich von ihm. und das Schicksal hat ihn in Form von Glanzparaden dazu verführt zu glauben, er könne dieses Spiel mitmachen.

Also das Buch liest sich flüssig, gut geschrieben. Aber es verbleibt in der Logik des heutigen Profisports, der das Kampfideal in der Gesellschaft erhält, vielleicht befördert. Dennoch wissen wir gerade aus jüngster Zeit, dass es immer wieder gesellschaftliche Zustände gibt, von denen viele spüren, dass sie der Welt nicht wirklich gut tun, wenn sie maßlos überdreht sind. Dazu gehörte die Finanzindustrie mit bekanntem Ergebnis. Vielleicht gehört dazu auch der internationale Profifußball, der so viel Geld abwirft, auch weil er eine mächtige Industrie mit hohem archaischem Emotionsanteil drastellt. Letzteres bedeutet, dass es unbewusst ursprüngliche, überlebensnahe Bedürfnisebenen des Menschen anspricht: nicht unterzugehen, nicht zurückgelassen zu werden, eine Identifikation zu haben, sich bei Siegen in Rausch und Euphorie zu fühlen, sich durch den Einsatz der Kämpfer der vermeintlich eigenen Sippe mit Siegen identifizieren zu können. In Deutschland kommt traditionell noch mehr hinzu. Der Krieg verloren, nationale Identifikationssymbole fehlten. Die Weltmeisterschaft 1954 war dann ein Stück Auferstehung, Wir sind doch wieder wer. Die deutschen Tugenden, wie sie im Fußball gerne erwähnt werden, schienen doch nicht so schlecht zu sein. Fußball war seitdem im Gott sei Dank national bescheidenen Deutschland neben der wirtschaftliche Kraft wesentliches Identitätsmerkmal. Und dann noch durch Wiedervereinigung mit den ostdeutschen Fußballern, zu denen auch Enke irgendwie noch gehörte, wagte Beckenbauer den Spruch vom wahrscheinlich lange nicht zu besiegenden deutschen Fußball. Gefühlt sind "wir" ja auch 2006 und 2010 irgendwie so etwas wie Weltmeister geworden.

Aber auch international bedeutet Profisport heute „Brot und Spiele“. Er ist ein wesentlicher Teil der Freizeitbefriedigung der Menschen. Wenn dies in Gesellschaften zum wichtigen Leitprinzip gelangt, zeigt eine kulturelle Epoche ihre Ratlosigkeit. Auch steht der Sport heute gerne als Bildebene Pate in Wirtschaft und Politik. Früher war es eher der Krieg, der die Metaphern hergab, dies ist heute nicht mehr en vogue. Das ist ein Fortschritt. Aber gemeinsam einen Sieg erreichen oder der Größte auf dem Markt sein, gilt es immer noch. Bei jedem zweiten Vertriebsmeeting in großen Firmen gibt ein Sportler seine Erfahrungen als Richtschnur für Firmen weiter. Hier finden die Projektionen aus dem Sport statt. Einfache, simplifizierende Vergleiche finden große Begeisterung. Wirtschaft und Politik zeigen sich gerne mit den erfolgreichen Sportlern, damit vielleicht etwas abfärbt. Die Bedeutung des Profisportes in der Gesellschaft ist riesengroß. 


Auch auf diesem Hintergrund ist Enkes Schicksal zu sehen. Es gibt viele, die aus seinem Schicksal etwas lernen können. Wenn jemand sportliches Talent hat, das muss er es doch bis zum Anschlag nützen, so denken die meisten. So eine Chance darf man doch nicht gehen lassen, als wenn der Mensch nicht viel breiter aufgestellt wäre. Das System des Profisport nimmt nicht die Persönlichkeit als Ganzes wahr und zieht hier die richtige Konsequenz. Der Akrobat muss seine Fähigkeit zum Markte tragen. Leicht werden alle seltsam von den Verlockungen und einseitigen Kriterien des Fußballgeschäftes bestimmt.  

Ronald Reng (2010): Robert Enke – ein allzu kurzes Leben, München-Zürich: Piper. 
 
Weiterführende Literatur:
Mohr, G.: Das Kunstwerk Deines Lebens, erscheint 2011.


 
 
Jesus als historische Figur, als Mensch, als politischer Botschafter und als Weisheitslehrer

Eine kritische Rezension zum Buch: Josef Ratzinger – Papst Benedikt: Jesus von Nazareth, Herder Verlag, Freiburg 2007

Josef Ratzinger hat sich an ein interessantes Projekt gewagt. Er hat Jesus von Nazareth betrachtet. Wesentliche Grundlage waren dabei für ihn die traditionellen vier Evangelien, aber auch die Verbindung zu anderen Texten des neuen und insbesondere des alten Testamentes. Ratzinger betrachtet wesentliche Stationen in Jesu Leben wie seine Taufe im Jordan, die Bergpredigt und einzelne Wunder. Ebenso sind die bekanntesten Gleichnisse, die Jesus verwendete, Thema. Um die Inhalte zu erfassen zieht er die Ergebnisse der theologischen Diskussionen heran. Josef Ratzinger zeigt sich durch sein ganzes wissenschaftlich-theologisches Leben sehr belesen und argumentiert, wie die theologische Rezeption des Buches auch überwiegend kommentiert, hervorragend auf dem Hintergrund dieses Kontextes. Er entfaltet auch immer wieder interessante Details und Deutungen, die nachdenkenswert sind, wenn man eine innere Beziehung zu Jesus hat. Im Ganzen beschreibt Josef Ratzinger Jesus so wie er zum katholischen Glauben passt. Ich war als „gut katholisch“ erzogen und gebildet an keiner Stelle überrascht. Der Autor Josef Ratzinger definiert sich als persönlich Interessierter an Jesus und nicht als der, der als Papst eine Lehrmeinung vorgibt. Er hat natürlich aber auch seine Rolle als Papst und damit oberster Vertreter und Chef der katholischen Kirche. Dementsprechend stehen auf dem Buchumschlag für den Autor auch beide Bezeichnungen: Josef Ratzinger und Papst Benedikt  Dieser Mehrfachbezug aus den Rollen, als persönlich an der Figur Jesus Interessierter, als theologischer Gelehrter und als Oberster der Organisation katholische Kirche ist nicht einfach. An einigen Stellen deutet sich auch seine frühere Organisationsrolle als Glaubenskongregator an. Dem Leser geht oft die Frage durch den Kopf: Als wer schreibt er denn jetzt gerade? 

Jesus, die historische Figur

Hier nimmt Josef Ratzinger trotz aller Zweifel über die tatsächliche Person, die er selbst hegt, letztlich Jesus mit den historischen Hinweisen und den neutestamentalischen Schriften so wie es geschrieben steht. Dem kann man folgen. Etwas problematisch ist anzunehmen, dass die Evangelien dadurch Ursprüngliches verbriefen, weil sie ja durch die Kirchengeschichte schon so oft überprüft worden seien. Das schon oft überprüft sein, bürge für die Authentizität. Andererseits haben dadurch natürlich auch schon viele an den Texten gefeilt, was sie nicht von vorneherein authentischer macht. Interessanterweise argumentiert der Dalai Lama über den Gehalt der alten buddhistischen Schriften mit dem gleichen Argument. Diese Logik hat auch etwas für sich, wenn man sie, wie das der Dalai Lama beim Buddhismus tut, auf die Praktikabilität bestimmter Lebensempfehlungen wie die er Meditation bezieht. Man kann das Argument auch für das neue Testament stehen lassen, auch wenn es dem Jesus-Projekt gut getan hätte, wenn der Autor das fünfte Evangelium, das Thomas-Evangelium, einbezogen hätte. Aber das bleibt immer noch verbannt.


Jesus der Einzigartige


Ratzinger sieht die ganze Vorsehung, die ganze Geschichte zwischen Gott und den Menschen auf die Person Jesus zu laufen. Das ist auch das, was die Volkskirche in vielen Ländern den Menschen mitteilte. Ihn in der Kette einiger wenn nicht sogar vieler großer Meister zu sehen, kommt ihm nicht in den Sinn. Er erwähnt Karl Jaspers´ These des Nebeneinanders der großen Religionsgründer. Aber das kann Ratzinger natürlich nicht in seinen Glauben aufnehmen. In dieser offenen Geisteshaltung ist er vermutlich nicht. Er glaubt die Einzigartigkeit Jesu, begründet sie aber nicht. Möglicherweise kann und darf er in seiner Rolle als Chef der auf Jesus sich gründenden  Religion auch noch keine integrativere Position einnehmen. Hinzu kommt, dass andere Religionen sich da sicher schnell auf die Füße getreten fühlen würden. Was auf der Strecke bleibt, ist der Vergleich Jesu mit dem, was andere Religionen lehren. Man kann Jesus natürlich wie üblich in der begrenzten Interpretation der jüdischen und christlichen Gelehrten sehen. Darauf fußt Josef Ratzinger in seinem Wissen offensichtlich.

Aber wie soll man Jesus heute einordnen ohne das, was 2000 Jahre vorher schon die Bhagavad Gita, das grundlegende Buch der hinduistischen Religionen sagte. Ebensolches gilt für den ebenfalls vor dem Christentum entstandenen Buddhismus. Stattdessen verbleibt Ratzinger im Bezugsrahmen jüdischer und katholischer Interpretation, in einer Rolle als spiritueller Lehrer zu wenig, mit seiner Rolle als Chef der katholischen Kirche allerdings stimmig. Als Chef der Organisation katholische Kirche kann er vielleicht nicht anders. Er ist aber auch nicht der Mann, der hier den Schneid hat, neben Jesus noch andere große Meister in anderen Teilen der Welt zu akzeptieren, die Gleiches vertreten haben.   

Auch die Ergänzung, die Jesus als spiritueller Ideengeber durch den genialen Marketingmann und frühen Globalisier Paulus erfahren hat, bleibt etwas unterbelichtet. Denn vielleicht wäre Jesus ohne die von Paulus geleitete Unabhängigkeit von den jüdischen Riten und damit Öffnung für die „Heiden“ wie so viele andere große Weisheitslehrer einfach in Vergessenheit geraten.


Theologie und Insiderdialoge - Verklärung statt Klärung

Vieles verbleibt bei Papst Benedikt in der internen Diskussion der Theologie, die immer auf dem Rand zwischen Fakten, nachvollziehbarer Interpretation und Glauben tanzt. Im Zweifelsfalle geht Papst Benedikt ins Glauben. Leider kommen die nachvollziehbaren Logiken eindeutig zu kurz. Zu häufig geht es in Richtung der Verklärung. Die übliche verklärende Sprache mit vielen Worthülsen, die auch Gottesdienste oft zu reinen Mantra-Wiederholungen werden lässt, ist auch hier vertreten. Dass Jesus das Heil sei, dass er Fleisch gewordener Geist sei, all das ist einfach keine verständliche Sprache, sondern lässt die Leser allenfalls meditativ entschwinden. Er thematisiert die Liebe, aber auch hier verklärt sich laufend die Sprache. Jesus selbst war hier bedeutend konkreter in seinem Handeln. Josef Ratzinger ist begeistert von Jesus, er hat eine innere Beziehung zu Jesus, das spürt man, aber er kann es nicht deutlich an andere vermitteln, weil an entscheidenden Stellen nicht weitergedacht wird.


Die politische Komponente: Jesus als Sozialrevolutionär

Ratzinger sieht in Jesus Gott zu den Menschen gekommen, so wie es von den Propheten angekündigt war. Er wehrt sich zu Recht gegen einseitige politische Vereinnahmungen Jesu beispielsweise als linker Sozialrevolutionär. Jesus gab eine spirituelle Lehre und keine primär politische. Aber Ratzinger sollte zumindest einräumen, dass vieles, was Jesus sagte, vom Wort her in politischem Sinne interpretiert werden kann. Vor allem aber sprach sein Tun eine eindeutige Sprache. Toleranz und Solidarität mit den Schwachen war das gelebte Programm. Und außerdem ist er ja nicht wegen seiner Religion ans Kreuz gekommen, sondern als Aufrührer, der für sich den Titel Messias, das heißt auch einen Königstitel in Anspruch nahm, was kein in dieser Form verfasstes Staatswesen bisher irgendwann und irgendwo geduldet hat. Ist das Naivität? Die Kirche tut hier gerne so, als wenn es sich um ein Missverständnis handelte.

Und geht nicht auch eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher ins Himmelreich?

Zwar sind einige Sätze im Buch enthalten, die vor einem negativen Kapitalismus und vor Technikfolgeschäden wie am Beispiel Tschernobyl warnen. Insgesamt ist aber hier keine Stellungnahme, an wessen Seite die Kirche im Zweifelsfall gehört. In dieser Richtung ist wenig enthalten. Eher ist eine merkwürdig kritische Bemerkung gegenüber allein materieller Entwicklungshilfe auffällig, weil sonst wenig Politisches explizit formuliert wird. Selbst wenn man außer acht lässt, dass das Wirken der katholischen Kirche in den armen Ländern der Welt in der Geschichte kaum als Muster herhalten kann, fragt man sich, ob der erfolgreiche Theologieprofessor und mittlerweile höchste Hierarch der katholischen Kirche hier Einfühlungsvermögen in die tatsächlichen Bedürfnisse der armen Länder offenbart. Die Güte, die Josef Ratzinger auch in seinen Worten heute manchmal ausstrahlt, wird nicht klar in eine Position für die Benachteiligten und Unterdrückten übersetzt. Hier hat er meines Erachtens Jesus nicht verstanden, sondern ist Opfer seines erfolgreichen Lebens und auch seiner früheren Rolle als Glaubenskongregator, als Erhalter der einer vermeintlich reinen, aber zu wenig am Tun Jesu orientierten Lehre.


Jesus als Mensch


Im Grunde kann Ratzinger Jesus auch nicht als Mensch zulassen. In den Evangelien sind schon einige sehr menschliche, und nicht von vorneherein absolut göttliche Stellen enthalten. Dass Jesus offensichtlich mit seinem Lehren in seinem Heimatort nicht ankam. Dass er häufiger zweifelte und gar nicht so sicher war. Dass er mit Gott in Zwiesprache gehen musste, um sich zu klären. All das wird von Papst Benedikt nicht thematisiert. Er schreibt zwar lange über die Bezeichnungen Sohn und Menschensohn. Aber letztlich sieht er Jesus als unerklärlichen Gott, der Menschengestalt angenommen. War Meister Eckhard, der große deutsche Mystiker des 13. Jahrhunderts, der damals dem päpstlichen Todesurteil nur durch einen früheren natürlichen Tod zuvor kam, schon der Auffassung, dass in jedem Menschen Gott steck, ist Papst Benedikt hier weit davon entfernt. Gott wollte den Menschen durch Jesus zeigen, was wichtig ist. Das ist etwas sehr Nahes und Konkretes. Alles was Benedikt über Jesus nicht weiß und was er nicht versteht, erklärt er jedoch mit dem göttlichen Geheimnis. Tendenziell ist Gott damit außerhalb von uns Menschen, das ist Ratzingers implizite  Position.
 

Jesus in seinen psychologischen Empfehlungen

Umkehren, Freimachen von Sünde, das sind die Programmpunkte von Jesus. Außerdem gibt es Anleitungen in vielerlei Richtungen, sich in Denken und Handeln zu verändern. Dies nicht konkret weiter zu verfolgen, birgt vielleicht die schwächste Seite von Ratzingers Jesusbetrachtung. Der praktische Auftrag, den Jesus einzelnen Menschen gibt, wird nahezu überhaupt nicht betrachtet. Sünde wird eher in moralischen Kategorien als beispielsweise im Verbleiben in einem zu engen Denk- und Verhaltenssystem definiert. Umkehr und Veränderung des Menschen wird eher in der Gefolgschaft zur Kirche gesehen als dass der einzelne Mensch sich entwickeln kann und soll. Dass das Himmelreich schon da ist, aber nicht gesehen wird, wird eher in Richtung Kirche nahe gelegt. Dies kann man von der Rolle als Chef der Organisation wieder verstehen, wird aber dem differenzierten Lehren von Jesus nicht gerecht. Meine Vermutung ist, dass Papst Benedikt diesen Zugang selbst nicht betracht hat. Vermutlich hatte er bei seinem behüteten und erfolgsverwöhnten Leben mit Karriere etc. auch nie den Leidensdruck, der Menschen dazu bringt, etwas bei sich zu verändern. Papst Benedikt bleibt eher staunend und verklärt neben dem Wirken Jesu stehen als sich mit den differenzierten Botschaften drin zu beschäftigen. 

Insgesamt ist daher zu sagen: Es ist ein interessantes Buch, weil es zum Nachdenken über die herausragende Figur Jesus, zu der viele Menschen in der Welt einen Bezug haben, anregt. Josef Ratzinger zeigt sich durch sein ganzes wissenschaftlich-theologisches Leben sehr belesen und argumentiert, wie die theologische Rezeption des Buches auch überwiegend kommentiert, hervorragend in dieser Ingroup. Es greift aber in entscheidenden Punkten zu kurz, in dem es verklärt anstatt konkret weiter zu fragen und weiter zu denken. Vielleicht hat Josef Ratzinger in seiner Begegnung mit Jesus weiter gedacht und es wegen seiner anderen Rollen nicht geschrieben

Weiterführende Literatur: 
Mohr, G.: Das Kunstwerk Deines Lebens, erscheint 2011