Durchatmen 09/21/2011
 
Christopher Jamison, ein englischer Benediktinermönch, hat ein gleichermaßen interessantes wie entspannendes Buch geschrieben. Es legt Menschen nahe, sich mit der Lebenshaltung und der Lebensweise in Klöstern zu befassen, weil die zu Entschleunigung des Lebens beitragen kann. Verschiedene Stränge durchziehen das Buch, einerseits eine präzise Antworthaltung zu den Aufgeregtheiten des heutigen Lebens, andererseits wesentliche Aspekte klösterlichen Lebens wie Schweigen, Kontemplation, Gehorsam, Demut, Gemeinschaft, Spiritualität und Hoffnung. Als Beispiel für die Reaktion der Normalmenschen, die nicht Mönche sind, auf diese Themen führt er eine Gruppe von Männern heran, die eine Zeitlang im Kloster Jamisons lebte und deren Erfahrungen auch in der BBC-Fernsehserie „The Monastrey“  verfilmt wurden. 
 
Seine grundlegende Theorie für die heutige Lebenshektik sieht der Autor in der Veränderung der Gesellschaft dahin, dass die neoliberale Wende die Menschen in allem zu Kunden von irgendetwas deklariert habe. Menschen sind nicht im Vordergrund,  sondern Konsumenten. Gut ausgebildete
Leute hätten früher in höheren Positionen ein beschauliches Leben führen können. Arbeiter hätten sich auf einen lebenslangen Job in einer stabilen Industrie verlassen können. Heute sei alles in einen unendlichen Warenstrom, der mit unendlicher Arbeit erreicht werden soll, eingeordnet. Das Glück ist die Ansammlung vieler maximaler Konsumereignisse. Diese Lebenskultur gelte es in Frage zu stellen. 
 
Der kritischen Gesellschaftsbeschreibung folgen als Gegenpol die Regeln des klösterlichen Lebens, die der Ordensgründer Benedikt vor 1500 Jahren aufgestellt hat. „Man soll der Schweigsamkeit zuliebe bisweilen sogar auf gute Gespräche verzichten“  ist schon eine für den heutigen Mainstream provozierende Kostprobe für eine solche Regel. Aber nur so könne man den „Lärm im Kopf“ besiegen. Kontemplation, also die läuternde Betrachtung der eigenen Innenwelt, sieht er als katholischer Christ natürlich im Gebet zu Gott. „Wir sollen wissen, dass wir nicht erhört werden, wenn wir viele Worte machen, sondern wenn wir in Lauterkeit des Herzens und mit den Tränen der Reue beten. Deshalb sei das Gebet kurz und lauter“. In der Kontemplation geht es also um das
Fühlen und eine bescheidene Haltung dem Großen des Lebens gegenüber. Der Regelgeber Benedikt hat nach seiner Schilderung keine genauen Vorgaben für Meditation gegeben. Als klösterliche Tradition zur Förderung der Meditation sieht er die Verwendung eines wiederholten Satzes und das langsame Lesen heiliger Texte an. Dass Benedikt das Lesen als wichtigste Art der Meditation und kreativer Stille einschätzt, ist bemerkenswert. Die Lectio divina (göttliches Lesen) ist ein Lesen wichtiger Texte, das sich Zeit lässt und diese in mehreren Schritten verarbeitet.

Zum Gehorsam propagiert Benedikt „Im gegenseitigen Gehorsam sollen sie miteinander wetteifern; keiner achte auf das eigene Wohl, sondern mehr auf das des anderen.“ Gehorsam ist heute ein sperriger  Begriff, aber wenn man sich betrachtet wie viel wir unbewusst durch äußere Reize konditioniert und stimuliert sind, bleibt die Selbstdisziplin in Orientierung ein wichtiger Pfeiler der Selbststeuerung. Ähnliches gilt in der Zeit der narzisstischen Herausstellungsforen für den nächsten Begriff, die Demut: „Durch Selbsterhöhung steigen wir hinab und durch Demut hinauf.“

Gemeinschaft als Thema ist für den westlichen, individualisierten Menschen, insbesondere den angelsächsisch geprägten - wie dem Briten Jamison - , heute jenseits des Mainstreams. „Vor allem bei der Aufnahme von Armen und Fremden zeige man Eifer und Sorge, denn besonders in ihnen wird Christus aufgenommen. Das Auftreten der Reichen verschafft sich ja von selbst Beachtung.“  Hier fehlt dem katholischen Christen etwas das „Fassen an die eigene Nase der katholischen Kirche“ , die sich in vielem Prunk noch gebärdet wie ein feudales Fürstensystem. Diese alte Kontroverse zwischen den klösterlichen und den Machtpotentaten der Kirche ist seit Jahrhunderten ein heißes Eisen. Er greift er nicht auf.

Zur Spiritualität zitiert Jamison die Benediktsche Regel “Prüft die Geister, ob sie aus Gott sind“. Jamison diskutiert den Vorteil des Christentums als geleichmaßen nach innen auf Kontemplation wie nach außen auf den Mitmenschen gerichtete Religion. In anderen Religionen sieht der durchaus zur Linken tendierende Autor Marx´ Kritik der Religion als Opium fürs Volk eher verwirklicht als im Christentum. Am Ende der thematischen Kapitel steht die Hoffnung, die gerade beim Abschied und am Ende des Lebens gebraucht wird. Den eigentlichen Schluss des Buches bildet ein Beispiel der Lectio divina in Form des Gleichnisses vom verlorenen Sohn.  

Insgesamt ein gut zu lesendes Buch, das tief geprüfte, durchaus alte Weisheiten in interessanter Weise auf unsere Zeit bezieht. Es macht nicht den einzelnen mit erhobenem Zeigefinger verantwortlich, sondern zeigt die Systemzwänge auf. Schön ist, dass  er einen unverkrampften Blick über den Tellerrand hinaus hat. So berichtet er auch Beispiele aus einem benachbarten buddhistischen Kloster in Südengland. Dies hätte man dort vielleicht gar nicht vermutet, Jamison zeigt aber deutlich seinen Respekt auch vor der anderen Religion. In Sachen der Integration meditativen und kontemplativen Lebens ist der Unterschied ohnehin gering. Gott hat kein Parteibuch
einer Religion.

Jamison, Christopher: Durchatmen, Münsterschwarzach:  Vier-Türme-Verlag  2011


 
 
Der Benediktinerpater Anselm Grün und der Puma-Vorstandsvorsitzende Jochen Zeitz tauschen in einem neuen Buch ihre Meinungen über Gott und die Welt aus. Die wechselseitig ergänzten Positionen der beiden sind in zwölf Kapitel gegliedert, die von Nachhaltigkeit, über Wirtschaft, Wohlstand, Ethik bis hin zu Bewusstsein reichen. 

Das Buch hat zwei große Verdienste. Es enthält eine ganze Reihe von vereinzelten guten Einzelbemerkungen. Und es hat mich zu einer deutlichen Bezugnahme zum geäußerten Gesamtstandpunkt veranlasst. 


Zunächst zu den interessanten Einzelbemerkungen: „Wenn die Religion ihre Kraft verliert, dann gewinnen rein weltliche Bereiche eine religiöse Dimension“ (Grün, S. 21). Die Wirtschaftswelt suggeriere Glück durch äußere Dinge wie Produkte (S. 44). Dieser Position Grüns kann man in Bezug auf die quasi religiöse Rolle, die Materielles und Macht bei manchen Menschen angenommen haben, heute sehr zustimmen.

Etwas verwunderlich und merkwürdig nach dem alten Hochmut der katholischen Lehre klingt Grüns Formulierung: „Wir erkennen ebenso an, dass auch die anderen Religionen für viele Menschen eine heilsamen halt bieten und eine gute Anweisung sind, wie das Leben gelingen kann. (S. 45). Pater Anselm lässt sich trotz seiner bekannte Vorsicht in katholischen Dingen aber auch zu der Aussage hinreißen, dass „das Christentum in den letzten dreihundert Jahren vor lauter Rationalität die Verbindung zur Natur vernachlässigt hat“ (S.42). Der Dialog insbesondere mit dem Buddhismus war es seiner Auffassung nach, „um in die mystische Strömung und die Verbindung zur Natur neu zu entdecken“ (ebenda). Die Autoren postulieren Wirtschaft und Religion als komplementär, obwohl gerade die Wirtschaftswerbung den Zusammenhang zwischen Materiellem und Glück laufend herzustellen versucht. 

Zeitz bemerkt dann aus der Perspektive der Untenehmen, dass Programme wie Corporate Social Responsibility (CSR), womit Firmen ihre Verantwortung für die Gesellschaft klar machen wollen, „tiefgreifend, aufrichtig und integrativ“ sein müssen, Er moniert mit Recht, sie blieben sonst wirkungslose Schubladenprogramme. In Sachen Wohlstand muss man über den quantitativen Ansatz hinausgehen. Wieder etwas Wahres: Viele ständig ihre Mitarbeiter motivierende Führungskräfte glauben nicht an deren eigene Kraft. Zeitz bemerkt, dass bei Puma jeglicher gebrauch von Kriegsvokabular und Kriegssymbolen verbannt werden. (S. 113). Arbeit müsse nicht immer effizienter werden, schließlich kann man die falschen Dinge auch effizienter falsch machen.  (S. 162). Der amerikanische Naturphilosoph des 19. Jahrhundert Henry Thoreau wird als Pate genommen für Vereinfachung der Komplexität genommen. Man muss dazu wissen, dass Thoreau allein in einer Hütte im Wald lebte, ein gewisser Gegensatz zum Fünfsternehotel, zur Luxuskarosse, zum Ersteklasseflieger und zu den vielen Pagen, mit denen sich Manager heute umgeben, um in der Komplexität der Welt wenigstens Komfort zu erleben. Zu Stärken und Schwächen vermerkt Grün: Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark (2 Korinther 12,10). Er plädiert dafür, zu Schwächen und Grenzen zu stehen. Dies ist nicht neu, aber in der heutigen Wirtschaftswelt entweder illusionär oder blauäugig.

Nun zur näheren Betrachtung der Grundpositionen: Bemerkungen wie „Religion und Wirtschaft sind wohl die größten Gestaltungskräfte für eine Gesellschaft“ (Grün, S. 20) sind schon sehr eingeschränkte Positionen. Sie zeigen eine auf den primären Erfahrungshintergrund der Autoren verständliche, aber eingegrenzte Fokussierung der Autoren an. Es gibt auch noch Politik als wesentliches Teilsystem der Gesellschaft in Kommunen, Ländern, Staaten, auf EU- oder sogar Weltebene. Es gibt noch die säkulare Bürgergesellschaft jenseits von Wirtschaft und Religion. Gerade die Finanz- und Wirtschaftskrise hat gezeigt, dass die Wirtschaft ganz deutlich durch den Staat stabilisiert und in dem Falle sogar extrem gerettet werden musste. Ohne die Staats- und Zentralbankinterventionen hätte es einen Kollaps gegeben. Zeitz sieht das natürlich als Versagen einzelner an, „die dieses System ausschließlich zu ihrem persönlichen Vorteil missbrauchten“ (S. 46). Die meisten unabhängigen Wissenschaftler sehen heute im Gegensatz zu den Interessenvertretern, zu den ein Unternehmensvorstand vielleicht auch gehören muss, durchaus ein systemisches Problem. Insgesamt zieht sich insbesondere bei Zeitz als Grundposition die der heilen Wirtschaftswelt mit einigen schwarzen Schafen durch. Ständig fordert er, etwa mehr Betonung von Umweltaspekten und Nachhaltigkeitsdenken. Aber von  systemischen Zusammenhängen in der Wirtschaftsweise ist kein Laut zu hören. Andere werden schon kritisiert, etwa die Firma Enron, der designierte Bösewicht der Wirtschaftswelt, oder auch die gierigen Banker. Die Wirtschaftsweise ist aber nicht zu verändern und weiter zu entwickeln, sondern nur die schwarzen Schafe oder die es noch nicht begriffen haben, sind in irgendeiner Weise anzugehen. Wie, dazu kommt nur der moralische Appell. Auch die altbekannte deutsche Schonposition, dass auf internationalrer Ebene keine Mindeststandards in Regulierungsdingen in allen möglichen Fragen aber Arbeitssicherheit, Umwelt, etc. zu erreichen seien, wird betont. Davon, dass es auch Vorreiter braucht und konkrete Maßnahmen nötig sind, sind beide weit entfernt.  

Ein zweiter zentraler Punkt ist: Hier befinden sich zwei Gutmenschen im Dialog.  Die dauernden Dialoge von Wirtschaft zu Kloster und Kloster zu Wirtschaft nach dem Motto "das ist bei uns im Prinzip genauso" werden mit der Zeit doch etwas langatmig. Man braucht als Leser schon Ausdauer, um die vereinzelten interessanten Erkenntnisse aufzuspüren. Wer auf der Suche nach real existierenden Paradiesen ist, hat nun zwei Angebote: die Firma Puma und das Kloster von Pater Anselm. Dort wird über alles reflektiert und optimal gottgefällig gelebt. Immer wieder bleibt es leider auf der deutenden Oberfläche. Man würde mal gerne etwas über die tatsächlichen praktischen Erfahrungen etwa bei Puma lesen. Dass im Kloster jeder arbeitsmäßig einen Platz finden kann, liest man gerne. Es ist aber auch plausibel. Zum Thema Beschäftigung hätte man vom Kollegen Zeitz auch gerne etwas gehört. Insgesamt fehlt dadurch Tiefe und es fehlen echte Standpunkte. Das nicht dies und nicht das, sondern immer in der Mitte bleiben. Ein Beispiel dazu: Es reicht nicht zu sagen: Wir müssen wissen, was wir mit der Atomkraft machen. Reicht denn kognitives Wissen, wenn wir im Moment radioaktiven Müll produzieren, der bestimmte Erdareale für lange Zeit mit verseuchtem Material anfüllt. Also doch etwas kurz gedacht in vielen Statements.

Und es gibt noch etwas, das fehlt: Wenn zwei Deutsche gescheit über Moral reden, sich ausdrücklich auf Konzepte wie das kollektive Unbewusste und den Schattenbereich des Menschen (letztere beiden sind Konzepte von C.G. Jung) berufen, würde ich erwarten, dass das mal konkretisiert wird. Denn die Deutschen konnten in ihrer jüngeren Geschichte auch verhaltensmäßig sehr tief in den Schatten einsteigen. Was bedeutet diese Erfahrung gerade für unser Handeln heute. Während viele andere Völker dies immer noch verdrängen können und so wunderbar die Länder in Schurken und Gute einteilen können, wäre hier mehr möglich. Aber dann müsste man konkrete Standpunkte einnehmen, etwa zur Atomkraft oder auch zum Krieg. Leider bleibt das Buch hier mit sehr vielen Appellen an allgemeine Begriffe wie Verantwortung und Gewissen. Konkret wird man allerdings nicht. Beide, Zeitz und Grün, wirken da sehr gehemmt und scheinen die Appelle eher an andere zu richten. Dies kann man über die Rolle als Vorstand eines Unternehmens erklären oder über die Position des viel publizierenden Kirchenmannes, der ja mit einem Auge immer nach Rom schielen muss. Also bitte keine Standpunkte. 

Ein insgesamt interessantes Buch, weil es die Begrenztheiten der wirtschaftlichen und der religiösen Perspektive deutlich aufzeigt. Mindestens Psychologie und humanistisch-säkulare Politik müssen hinzukommen, vielleicht noch andere Teilsysteme wie Politik, Bürgergesellschaft, Schriftsteller oder Künstler, aber Grün und Zeitz beschränken sich auf vertraute Standpunkte von Wirtschaft und Kirche.

Literatur:
Grün, Anselm und Zeitz, Jochen: Gott, Geld und Gewissen, Münsterschwarzach: Vier-Türme-Verlag 2010. 


Mohr, G.: Wirtschaftskrise und neue Orientierung, ProBusiness 2009.



 
 
Jesus als historische Figur, als Mensch, als politischer Botschafter und als Weisheitslehrer

Eine kritische Rezension zum Buch: Josef Ratzinger – Papst Benedikt: Jesus von Nazareth, Herder Verlag, Freiburg 2007

Josef Ratzinger hat sich an ein interessantes Projekt gewagt. Er hat Jesus von Nazareth betrachtet. Wesentliche Grundlage waren dabei für ihn die traditionellen vier Evangelien, aber auch die Verbindung zu anderen Texten des neuen und insbesondere des alten Testamentes. Ratzinger betrachtet wesentliche Stationen in Jesu Leben wie seine Taufe im Jordan, die Bergpredigt und einzelne Wunder. Ebenso sind die bekanntesten Gleichnisse, die Jesus verwendete, Thema. Um die Inhalte zu erfassen zieht er die Ergebnisse der theologischen Diskussionen heran. Josef Ratzinger zeigt sich durch sein ganzes wissenschaftlich-theologisches Leben sehr belesen und argumentiert, wie die theologische Rezeption des Buches auch überwiegend kommentiert, hervorragend auf dem Hintergrund dieses Kontextes. Er entfaltet auch immer wieder interessante Details und Deutungen, die nachdenkenswert sind, wenn man eine innere Beziehung zu Jesus hat. Im Ganzen beschreibt Josef Ratzinger Jesus so wie er zum katholischen Glauben passt. Ich war als „gut katholisch“ erzogen und gebildet an keiner Stelle überrascht. Der Autor Josef Ratzinger definiert sich als persönlich Interessierter an Jesus und nicht als der, der als Papst eine Lehrmeinung vorgibt. Er hat natürlich aber auch seine Rolle als Papst und damit oberster Vertreter und Chef der katholischen Kirche. Dementsprechend stehen auf dem Buchumschlag für den Autor auch beide Bezeichnungen: Josef Ratzinger und Papst Benedikt  Dieser Mehrfachbezug aus den Rollen, als persönlich an der Figur Jesus Interessierter, als theologischer Gelehrter und als Oberster der Organisation katholische Kirche ist nicht einfach. An einigen Stellen deutet sich auch seine frühere Organisationsrolle als Glaubenskongregator an. Dem Leser geht oft die Frage durch den Kopf: Als wer schreibt er denn jetzt gerade? 

Jesus, die historische Figur

Hier nimmt Josef Ratzinger trotz aller Zweifel über die tatsächliche Person, die er selbst hegt, letztlich Jesus mit den historischen Hinweisen und den neutestamentalischen Schriften so wie es geschrieben steht. Dem kann man folgen. Etwas problematisch ist anzunehmen, dass die Evangelien dadurch Ursprüngliches verbriefen, weil sie ja durch die Kirchengeschichte schon so oft überprüft worden seien. Das schon oft überprüft sein, bürge für die Authentizität. Andererseits haben dadurch natürlich auch schon viele an den Texten gefeilt, was sie nicht von vorneherein authentischer macht. Interessanterweise argumentiert der Dalai Lama über den Gehalt der alten buddhistischen Schriften mit dem gleichen Argument. Diese Logik hat auch etwas für sich, wenn man sie, wie das der Dalai Lama beim Buddhismus tut, auf die Praktikabilität bestimmter Lebensempfehlungen wie die er Meditation bezieht. Man kann das Argument auch für das neue Testament stehen lassen, auch wenn es dem Jesus-Projekt gut getan hätte, wenn der Autor das fünfte Evangelium, das Thomas-Evangelium, einbezogen hätte. Aber das bleibt immer noch verbannt.


Jesus der Einzigartige


Ratzinger sieht die ganze Vorsehung, die ganze Geschichte zwischen Gott und den Menschen auf die Person Jesus zu laufen. Das ist auch das, was die Volkskirche in vielen Ländern den Menschen mitteilte. Ihn in der Kette einiger wenn nicht sogar vieler großer Meister zu sehen, kommt ihm nicht in den Sinn. Er erwähnt Karl Jaspers´ These des Nebeneinanders der großen Religionsgründer. Aber das kann Ratzinger natürlich nicht in seinen Glauben aufnehmen. In dieser offenen Geisteshaltung ist er vermutlich nicht. Er glaubt die Einzigartigkeit Jesu, begründet sie aber nicht. Möglicherweise kann und darf er in seiner Rolle als Chef der auf Jesus sich gründenden  Religion auch noch keine integrativere Position einnehmen. Hinzu kommt, dass andere Religionen sich da sicher schnell auf die Füße getreten fühlen würden. Was auf der Strecke bleibt, ist der Vergleich Jesu mit dem, was andere Religionen lehren. Man kann Jesus natürlich wie üblich in der begrenzten Interpretation der jüdischen und christlichen Gelehrten sehen. Darauf fußt Josef Ratzinger in seinem Wissen offensichtlich.

Aber wie soll man Jesus heute einordnen ohne das, was 2000 Jahre vorher schon die Bhagavad Gita, das grundlegende Buch der hinduistischen Religionen sagte. Ebensolches gilt für den ebenfalls vor dem Christentum entstandenen Buddhismus. Stattdessen verbleibt Ratzinger im Bezugsrahmen jüdischer und katholischer Interpretation, in einer Rolle als spiritueller Lehrer zu wenig, mit seiner Rolle als Chef der katholischen Kirche allerdings stimmig. Als Chef der Organisation katholische Kirche kann er vielleicht nicht anders. Er ist aber auch nicht der Mann, der hier den Schneid hat, neben Jesus noch andere große Meister in anderen Teilen der Welt zu akzeptieren, die Gleiches vertreten haben.   

Auch die Ergänzung, die Jesus als spiritueller Ideengeber durch den genialen Marketingmann und frühen Globalisier Paulus erfahren hat, bleibt etwas unterbelichtet. Denn vielleicht wäre Jesus ohne die von Paulus geleitete Unabhängigkeit von den jüdischen Riten und damit Öffnung für die „Heiden“ wie so viele andere große Weisheitslehrer einfach in Vergessenheit geraten.


Theologie und Insiderdialoge - Verklärung statt Klärung

Vieles verbleibt bei Papst Benedikt in der internen Diskussion der Theologie, die immer auf dem Rand zwischen Fakten, nachvollziehbarer Interpretation und Glauben tanzt. Im Zweifelsfalle geht Papst Benedikt ins Glauben. Leider kommen die nachvollziehbaren Logiken eindeutig zu kurz. Zu häufig geht es in Richtung der Verklärung. Die übliche verklärende Sprache mit vielen Worthülsen, die auch Gottesdienste oft zu reinen Mantra-Wiederholungen werden lässt, ist auch hier vertreten. Dass Jesus das Heil sei, dass er Fleisch gewordener Geist sei, all das ist einfach keine verständliche Sprache, sondern lässt die Leser allenfalls meditativ entschwinden. Er thematisiert die Liebe, aber auch hier verklärt sich laufend die Sprache. Jesus selbst war hier bedeutend konkreter in seinem Handeln. Josef Ratzinger ist begeistert von Jesus, er hat eine innere Beziehung zu Jesus, das spürt man, aber er kann es nicht deutlich an andere vermitteln, weil an entscheidenden Stellen nicht weitergedacht wird.


Die politische Komponente: Jesus als Sozialrevolutionär

Ratzinger sieht in Jesus Gott zu den Menschen gekommen, so wie es von den Propheten angekündigt war. Er wehrt sich zu Recht gegen einseitige politische Vereinnahmungen Jesu beispielsweise als linker Sozialrevolutionär. Jesus gab eine spirituelle Lehre und keine primär politische. Aber Ratzinger sollte zumindest einräumen, dass vieles, was Jesus sagte, vom Wort her in politischem Sinne interpretiert werden kann. Vor allem aber sprach sein Tun eine eindeutige Sprache. Toleranz und Solidarität mit den Schwachen war das gelebte Programm. Und außerdem ist er ja nicht wegen seiner Religion ans Kreuz gekommen, sondern als Aufrührer, der für sich den Titel Messias, das heißt auch einen Königstitel in Anspruch nahm, was kein in dieser Form verfasstes Staatswesen bisher irgendwann und irgendwo geduldet hat. Ist das Naivität? Die Kirche tut hier gerne so, als wenn es sich um ein Missverständnis handelte.

Und geht nicht auch eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher ins Himmelreich?

Zwar sind einige Sätze im Buch enthalten, die vor einem negativen Kapitalismus und vor Technikfolgeschäden wie am Beispiel Tschernobyl warnen. Insgesamt ist aber hier keine Stellungnahme, an wessen Seite die Kirche im Zweifelsfall gehört. In dieser Richtung ist wenig enthalten. Eher ist eine merkwürdig kritische Bemerkung gegenüber allein materieller Entwicklungshilfe auffällig, weil sonst wenig Politisches explizit formuliert wird. Selbst wenn man außer acht lässt, dass das Wirken der katholischen Kirche in den armen Ländern der Welt in der Geschichte kaum als Muster herhalten kann, fragt man sich, ob der erfolgreiche Theologieprofessor und mittlerweile höchste Hierarch der katholischen Kirche hier Einfühlungsvermögen in die tatsächlichen Bedürfnisse der armen Länder offenbart. Die Güte, die Josef Ratzinger auch in seinen Worten heute manchmal ausstrahlt, wird nicht klar in eine Position für die Benachteiligten und Unterdrückten übersetzt. Hier hat er meines Erachtens Jesus nicht verstanden, sondern ist Opfer seines erfolgreichen Lebens und auch seiner früheren Rolle als Glaubenskongregator, als Erhalter der einer vermeintlich reinen, aber zu wenig am Tun Jesu orientierten Lehre.


Jesus als Mensch


Im Grunde kann Ratzinger Jesus auch nicht als Mensch zulassen. In den Evangelien sind schon einige sehr menschliche, und nicht von vorneherein absolut göttliche Stellen enthalten. Dass Jesus offensichtlich mit seinem Lehren in seinem Heimatort nicht ankam. Dass er häufiger zweifelte und gar nicht so sicher war. Dass er mit Gott in Zwiesprache gehen musste, um sich zu klären. All das wird von Papst Benedikt nicht thematisiert. Er schreibt zwar lange über die Bezeichnungen Sohn und Menschensohn. Aber letztlich sieht er Jesus als unerklärlichen Gott, der Menschengestalt angenommen. War Meister Eckhard, der große deutsche Mystiker des 13. Jahrhunderts, der damals dem päpstlichen Todesurteil nur durch einen früheren natürlichen Tod zuvor kam, schon der Auffassung, dass in jedem Menschen Gott steck, ist Papst Benedikt hier weit davon entfernt. Gott wollte den Menschen durch Jesus zeigen, was wichtig ist. Das ist etwas sehr Nahes und Konkretes. Alles was Benedikt über Jesus nicht weiß und was er nicht versteht, erklärt er jedoch mit dem göttlichen Geheimnis. Tendenziell ist Gott damit außerhalb von uns Menschen, das ist Ratzingers implizite  Position.
 

Jesus in seinen psychologischen Empfehlungen

Umkehren, Freimachen von Sünde, das sind die Programmpunkte von Jesus. Außerdem gibt es Anleitungen in vielerlei Richtungen, sich in Denken und Handeln zu verändern. Dies nicht konkret weiter zu verfolgen, birgt vielleicht die schwächste Seite von Ratzingers Jesusbetrachtung. Der praktische Auftrag, den Jesus einzelnen Menschen gibt, wird nahezu überhaupt nicht betrachtet. Sünde wird eher in moralischen Kategorien als beispielsweise im Verbleiben in einem zu engen Denk- und Verhaltenssystem definiert. Umkehr und Veränderung des Menschen wird eher in der Gefolgschaft zur Kirche gesehen als dass der einzelne Mensch sich entwickeln kann und soll. Dass das Himmelreich schon da ist, aber nicht gesehen wird, wird eher in Richtung Kirche nahe gelegt. Dies kann man von der Rolle als Chef der Organisation wieder verstehen, wird aber dem differenzierten Lehren von Jesus nicht gerecht. Meine Vermutung ist, dass Papst Benedikt diesen Zugang selbst nicht betracht hat. Vermutlich hatte er bei seinem behüteten und erfolgsverwöhnten Leben mit Karriere etc. auch nie den Leidensdruck, der Menschen dazu bringt, etwas bei sich zu verändern. Papst Benedikt bleibt eher staunend und verklärt neben dem Wirken Jesu stehen als sich mit den differenzierten Botschaften drin zu beschäftigen. 

Insgesamt ist daher zu sagen: Es ist ein interessantes Buch, weil es zum Nachdenken über die herausragende Figur Jesus, zu der viele Menschen in der Welt einen Bezug haben, anregt. Josef Ratzinger zeigt sich durch sein ganzes wissenschaftlich-theologisches Leben sehr belesen und argumentiert, wie die theologische Rezeption des Buches auch überwiegend kommentiert, hervorragend in dieser Ingroup. Es greift aber in entscheidenden Punkten zu kurz, in dem es verklärt anstatt konkret weiter zu fragen und weiter zu denken. Vielleicht hat Josef Ratzinger in seiner Begegnung mit Jesus weiter gedacht und es wegen seiner anderen Rollen nicht geschrieben

Weiterführende Literatur: 
Mohr, G.: Das Kunstwerk Deines Lebens, erscheint 2011