Triffst Du Buddha unterwegs, töte ihn!
Dieser martialische Satz ist ein Hinweis für den Menschen auf dem Meditationsweg, sich nicht von Formen beeindrucken zu lassen.


Nun begeben wir uns nach Indien, das jedes Mal nach dem erneuten Betreten mit vielen Herausforderungen für den Europäer aufwartet. Augen, Ordnungssinn, Nase und Temperaturempfinden werden aufs Äußerste beansprucht. Neben diesen äußeren Faktoren eignet sich Indien wie kaum ein anderes Land für die die innere Reise.

Andreas Altmann, der  sich bisher einen Namen als Reiseschriftsteller gemacht hat, betritt diesen inneren Pfad. Er hat an einer zehntägigen Vipassana-Meditation teilgenommen. Im Buch mit obigem Titel beschreibt er die Erfahrungen, die er dabei macht. Dazu gehören die Gedanken, die einem bei täglich achtstündigem Sitzen in Meditationshaltung sowie auch in der restlichen Zeit durch den Kopf gehen. Das Schweigen wird täglich lediglich von einem kurzen, eher standardisierten Gespräch mit dem Leiter unterbrochen. Wenn ich die vielfältigen inneren Bewegungen bei ihm lese, fällt mir ein, dass kürzlich eine Untersuchung herausfand, dass Gelassenheit wesentlich damit zu tun hat, sich selbst aushalten zu können, mit sich selbst alleine sein zu können. In der Meditation wird schnell klar, wen man alles mit sich rumschleppt, selbst, wenn keiner da ist. 

Zu Beginn des Buches beschreibt Altmann noch einige spezielle Erfahrungen, mit denen er das Erleben des Westlers in Indien offenbart. Dazu gehört eine Fahrt im Vorortzug genauso wie die Auseinandersetzung mit den Kasten. Auf dem Hintergrund des eigentlichen Buchschwerpunktes, der strengen Vipassana-Meditation, stellt der Autor dann seine persönliche Auseinandersetzung mit vielen Themen des menschlichen Lebens dar: Geldverdienen, Beziehungen, Sex, Partnerschaften.

Viele Themen erfahren bei ihm in der Meditation geradezu eine Standpunktschärfung. Und die ist alles andere als entsprechend den gängigen Erwartungen der Meditationsszene. Religionsprimborium ist nicht sein Fall. Er will nicht das, was er bei der Religion seiner christlichen Ursprungskultur kritisiert, in der indischen Variante in anderer Form wieder einkaufen, wie es viele Fans von spirituellen Lehren tun und gar als Fortschritt deklarieren. Das in einem Ashram geschriebene Schild „Keep your shoes and mind out“ findet im zweiten Teil seine entschiedene Empörung. Seinen Verstand möchte er weiter benutzen dürfen. Dass damit der im buddhistischen Sprachgebrauch unkontrollierte, konditionierte und herumschwirrende  Affengeist („monkey mind“) gemeint ist, ist ihm nicht klar. Aber er hat ja auch Recht. Nur der integrierte Einsatz der Aufmerksamkeitsmöglichkeiten eines Menschen, wozu Gefühl, Denken und Meditation gehören, schafft wirklich Selbstentwicklung.  

Altmann hält trotz vieler Störungen die Woche durch. Man ist schon etwas an Jesus mit seinen vielen Versuchungen erinnert. Das Interessanteste ist Folgendes: Obwohl er sehr viel der buddhistischen Haltung angenommen hat, wirft er nach der buddhistischen Meditation seine fünf im eigenen Haushalt angesammelten Buddhas weg. Auch von seinem „Ich“, möchte er sich aber entgegen der buddhistischen Empfehlung nicht trennen. 

Aber eine rechte Distanz und Fernbetrachtung seines eigenen „Persönlichkeitskostüms“, wie ich das erworbene Persönlichkeitsmuster gerne nenne, kommt nicht zustande. Dies – und hier oute ich mich – setzt neben spiritueller Musikalität auch Wissen und psychologische Kenntnisse voraus. Er hält dagegen für sich implizit das alte Neil-Young-Prinzip hoch „Better to burn out than to fade away“. So sei er schon immer gewesen und bleibe er nun auch mal.  

 

Lit.:

Altmann, Andreas (2010): Triffst Du Buddha unterwegs. Töte ihn.

Mohr, Günther (2011): Das Kunstwerk Deines Lebens, in Druck.

 
 
Zurzeit geistern wieder schlechte Tabellenplätze durch die gesellschaftliche und wirtschaftliche Diskussion. Erschreckende Ergebnisse!  In der IT-Wirtschaft ist Deutschland nur auf Platz sieben in der Welt. Bei Pisa haben wir nur einen Mittelplatz. Was soll bloß werden aus uns in der globalen Konkurrenz? Finnland, Korea und Kanada laufen uns den Rang ab. 

Aber war da nicht gestern davon die Rede, dass Deutschland zurzeit die Wirtschaftslokomotive ist. Ganz so blöd und ganz so untechnisch kann das Land ja demnach nicht sein. Und noch ein wahrer Lichtblick: Beim internationalen Fußball haben wir jetzt mehr Punkte als Italien, das lange vor uns lag. 

Da wären wir auch schon beim Hintergrund der vielen schönen Einstufungen angekommen. Die Welt ist so komplex geworden. Tausend Wahlmöglichkeiten, Vielfalt, Verästelungen. Im Sport dagegen zeigt man über Tabellen so schön eine eindimensionale Rangfolge. Die Wahrheit liegt auf dem Platz, wie man beim Fußball so schön sagt und dann in der Tabelle. 

Das Prinzip hat sich auf alle Lebensbereiche ausgedehnt. Rankinglisten der Mitarbeiter in Firmen, Einschaltquoten von Fernsehsendern, Qualitätslisten von Produkten, Politiker- und Parteieneinstufungen, Tabellen, Tabellen, Tabellen. Das Leben ist kein Quiz, wie Hape Kerkeling vor Jahren behauptete, es ist ein Tabellenplatz. Menschen scheinen das zu mögen und Zahlen lügen ja nicht. Wen kümmern da die Kriterien, die zum schönen eindimensionalen Ergebnis führen. Diese Ebene ist dann meist doch etwas kompliziert und könnte sehr schnell auch zu einem ganz anderen Ergebnis führen. 

Mittlerweile existiert eine regelrechte Tabellenindustrie. Alles wird erfasst und in Rangfolge gebracht. Obwohl jahrelang der Bürokratie der Kampf angesagt wurde, hat das Dokumentieren und Quantifizieren allen Tuns vor allem in Wirtschaft, Verwaltung, Gesundheits- und Sozialsektor heute einen früher ungeahnten Anteil an der Arbeit erlangt. Was soll man denn mit den schönen Datenmengen machen, wenn man da keine Tabellen daraus erstellt? 

Außerdem hat man eine sichere Grundlage, Emotionen bei den Beobachtern auszulösen. Sich in einer sozialen Rangfolge irgendwo wieder finden, ist bei allen Primaten ein wichtiges Lebensthema. Schätzungen zufolge wenden unsere nächsten Verwandten im Tierreich 80 % ihrer Intelligenz als soziale Intelligenz auf: Wer ist wo eingeordnet? Wer darf wen graulen und lausen? Wer kommt wann an die Futtergrippe?

Und jetzt wissen wir es wieder: Das koreanische Kind kann im Durchschnitt besser lesen als unseres. Der finnische Bub rechnet gleichzeitig unserem etwas vor. Wo soll das hinführen? Und in der EDV weltweit nur Platz sieben, vielleicht ist das schon Abstiegszone. Das wird übel enden, wenn wir nicht sofort alle Ressourcen in den jeweiligen Bereich werfen und vor allem dort die Konkurrenz entfachen, damit die Leute fleißiger werden. Dies können wir am besten durch eine veröffentlichte Rankingliste über die Menschen. Wenn wir schon im Kindergarten anfangen würden und die Kleinen bezüglich bestimmter Leistungen öffentlich in Listen darstellen, …….


Literatur:

Mohr, G. (2009): Wirtschaftskrise und neue Orientierung, von Angst und Gier zu Substanz und Anerkennung, Berlin: ProBusiness.






 
 
Es ist genauso gekommen, wie von mir am 25.11.2010 vor den letzten Schlichtungen vorausgesagt.

Und alle haben sich bei Heiner Geißler bedankt, „artig“ könnte man sogar sagen. Geißler gebührt auch das Verdienst, die gefährlichen Emotionen, die zu den Verletzten bei der Demonstration geführt haben, beschwichtigt zu haben. Er hat einmal im Laufe der Schlichtung die Aussage gemacht, dass die Befürworter das ganze Projekt vergessen könnten, wenn nur ein Kind bei einer Demo zu Tode kommen würde. Insofern ist Gewalt erst einmal draußen. Das ist gut so. Hier soll jetzt nicht spekuliert werden, wodurch die Eskalation ursprünglich zustande kam, ob durch unverantwortliche Demonstranten oder durch die Staatsmacht, die ein Exempel statuieren wollte. Vermutlich sogar in einem systemischen Aufschaukeln aus Beidem.

Geißler hat seine ganze Auftrittskunst und Selbstdarstellungsart genützt und die Aufmerksamkeit so auf sich gezogen, dass alle ein paar Wochen auf ihn und seine Inszenierung konzentriert waren.

Ein neues Modell, gar ein "neues Demokratiemodell" ist das allerdings nicht. Könige, Fürsten, Sultane und Großwesire haben früher ähnliche Auftritte praktiziert. 

Die deutliche Entscheidung für S 21 ist ein Affront gegen die Protestler, wenn sie sich zentral nur auf die Machbarkeit und die rechtliche Absicherung bezieht. Denn das Alternativprojekt des neuen Kopfbahnhofs wäre genauso möglich, hat allerdings - kein Wunder - noch kein einziges Planfeststellungsverfahren absolviert. 

Etwas merkwürdig klingt Geißlers Offenbarung später im Interview, dass "Geld wie Heu da" sei. Das schien bisher für die öffentlichen Haushalte nicht zu stimmen. Er malt dazu allerdings eine Zukunft, die die öffentlichen Haushalte mit sehr viel Geld aus Finanztransaktionssteuern bedient. Damit baut er seinen Schlichterspruch aber zumindest implizit auf einer persönlichen politischen Meinung auf. Auch mit seinem typischen „dies mit den Finanzen muss so kommen, es geht gar nicht anders“ wird das nicht sonderlich gut begründet: Er profitiert an dieser Stelle vom Respekt der anderen vor seinem Alter. 

Die aufgebaute Hürde des sogenannten Stresstests wurde vom Bahnchef sehr schnell im Interview als unbedeutend angesehen. Die Gegner von S 21 sehen darin die entscheidende Ausstiegschance, den Anfang vom Ende. 

Überhaupt, die Bahn und die Behörden mussten sich ständig irgendwelche Fouls und Blößen gefallen lassen. Die vielfältige Kundenkritik, in die der Schlichter ebenfalls gerne einschwang, war nur eins. Aber viele Freizeitexperten waren in der Lage, den Profis der Bahn AG und den Aufsichtsämtern eine schöne kostenlose Fachberatung zu liefern, die die Expertise der eigentlich dafür Bezahlten doch oft sehr mau aussehen ließ. 

Ob die Schlichtung irgendetwas verändert hat, außer zwei politische Parteien mehr ins Rampenlicht zu bringen, ist noch nicht klar. 

Das Problem von Großprojekten mit hohem finanziellen Aufwand und schwer zu kalkulierenden Begleiterscheinungen bleibt weiter bestehen. Die fünf Minuten, die ein ICE zwischen zwei Großstädten dann schneller ist, überzeugen nicht. Die Faszination der Großprojekte erleben außerdem meist die, vor deren Haustür sie nicht gebaut werden. Man kann sich kaum vorstellen, dass in Siedlungen gut betuchter und machtvoller Bürger für ein Atomendlager gebohrt wird, ein Flughafen oder ein großer Bahnhof erstellt wird. Und es gibt immer weniger Gegenden, in denen man dafür „günstige“ Bedingungen hat.

Außerdem nehmen Menschen individuell auch immer mehr ihre Gemeinwesenrolle an. Sie verkürzen sie nicht auf 5 Minuten alle vier Jahre. Ein systemischer Effekt davon zeigt sich im Leiden der Großprojekte, deren ökonomische Effekte ohnehin nur selten evaluiert werden.

Literatur zum Weiterlesen:

Mohr, G. (2009): Wirtschaftskrise und neue Orientierung - Von Angst und Gier zu Substanz und Anerkennung, Berlin: ProBusiness.  

Mohr, G. (2006): Systemische Organisationsanalyse, Bergisch-Gladbach: Edition Humanistische Psychologie.